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Milde Strafe für Lehrer, der Kind missbrauchte

Milde Strafe für Lehrer, der Kind missbrauchte

Jugendkammer fordert, dass 53jähriger aus dem Schuldienst entfernt wird

Handelte er ausschließlich aus Eigennutz und sexuellem Interesse, oder
empfand der Pädagoge, wie er behauptete, tatsächlich tiefe Zuneigung für
das Mädchen? Auch der Prozess konnte diese Frage nicht abschließend
klären.

Der suspendierte Gymnasiallehrer Wolfgang S. atmete auf, als die
Vorsitzende der Jugendkammer das verblüffend milde Urteil verkündete: elf Monate Gefängnis, ausgesetzt auf Bewährung. Hier habe "ein Lehrer ganz klar seine Grenzen überschritten", sagte Richterin Gabriele Eschenhagen. S. sei nach Meinung der Kammer auch nicht tauglich, weiterhin im Schuldienst zu arbeiten.

Neben der Bewährungsstrafe sprach die Jugendkammer Geldauflagen aus: Wolfgang S. muss 18 000 Euro an gemeinnützige Einrichtungen zahlen. Außerdem 2000 Euro an Sandra*, die er als Zwölfjährige in einem Gymnasium in Neukölln kennerlernte und die er als 14jährige in seinem Auto, in einem Studentenwohnheim oder in Hotels mehr als 100mal missbrauchte.

Allerdings mit dem Willen des Mädchens, wie die Richterin betonte.
Strafrechtlich relevant sei dieser Fall nur geworden, weil die heute 18 Jahre alte Sandra auch Schülerin an seiner Schule gewesen sei. Es müsse jedoch von "einer besonderen Beziehung und einer besonderen Konstellation" gesprochen werden. Sandra sei "zu dieser Zeit sehr allein" gewesen und habe in zerrütteten Familienverhältnissen gelebt. "In einem behüteten Elternhaus", sagte die Richterin, "wären solche Sachen nicht geschehen."

Der 53jährige sei für das Mädchen "Vater, Freund, Geliebter, Beschützer und Halt" gewesen. Er habe Briefe und E-Mails geschrieben und "sie mit den schönsten Wesen der Welt verglichen." Die Kammer nehme ihm ab, erklärte die Richterin, dass er "das Mädchen auf seine Weise geliebt hat".

Irritierend sei jedoch, dass er sich kurz nach seiner Versetzung an eine
andere Schule - das Ermittlungsverfahren wegen sexuellen Missbrauchs
Schutzbefohlener lief schon - einer anderen Schülerin zugewandt habe.
Diesmal der 15 Jahre alten Melanie*; wie Sandra ein Mädchen, "das glücklich überrascht war, dass sich plötzlich jemand um ihre Sorgen kümmerte". Dass es auch bei dieser Schülerin mehr als das Interesse eines väterlichen Freundes gewesen sei, hätten nicht zuletzt seine E-Mails verraten: "Ich denke nur noch an dich." Oder: "Ich vermisse dich, du bist mein strahlender Engel." Bei Treffen mit dem Lehrer habe sich das Mädchen, das nur einen vertraulichen Zuhörer haben wollte, unwohl gefühlt. Sie habe das vor Gericht angedeutet: "Seine Blicke missfielen mir."

Staatsanwalt Thomas Junge - er beantragte eine Bewährungsstrafe von
anderthalb Jahren - hatte in seinem Plädoyer noch einmal auf das gezielte
Vorgehen des Studienrates hingewiesen. Er erwähnte eine Computerdatei, in der Studienrat S. Trennungskinder wie Sandra und Melanie gezielt erfasste. "Mädchen, die Probleme hatten. Leichte Beute also." Da habe der Angeklagte, dem er die Liebe zu Sandra nicht abnehmen könne, "eindeutig strategisches Handeln an den Tag gelegt." Der Staatsanwalt erinnerte zudem an einen Lehrerkollegen, bei dem der Studienrat Sandra nach der Trennung "regelrecht entsorgen wollte". Der Kollege habe sich dann tatsächlich sechs Mal mit der Schülerin getroffen und am Ende "gerade noch die Kurve bekommen" - indem er Sandra ermunterte, der stellvertretenden Direktorin die Geschichte mit S. zu erzählen. Eines sei sicher, sagte Junge: "Man darf ihm nie wieder Kinder und Jugendliche anvertrauen, weil er dieses Vertrauen nicht verdient."

Wolfgang S. hatte zu Beginn des letzten Prozesstages, wie zuvor schon
angekündigt, ein Geständnis abgelegt. "Ich habe sie wirklich geliebt und
bedauere zutiefst, was passiert ist", erklärte der Lehrer für Deutsch und
Französisch. Sandra habe auf ihn schon als Zwölfjährige "einen großen
Eindruck" gemacht", fügte er mit zitternder Stimme hinzu. Aber ein wenig sei das ungleiche Verhältnis ja auch für die Schülerin von Vorteil gewesen: "So ein junges Mädchen hat ja auch was von einem älteren Mann."

Sandra saß ihm als Nebenklägerin gegenüber. Sie nahm die Worte des
ehemaligen Lehrers ungläubig zur Kenntnis, kämpfte mit den Tränen, wirkte wenig später aber wieder sehr gefasst. Ihre Anwältin erklärte später, dass Sandras Selbstbewusstsein "nur eine Fassade" sei. Ihre Mandantin befinde sich in psychologischer Behandlung. Sie zweifle an sich und gebe sich noch immer selbst die größte Schuld. *Namen geändet

© Morgenpost vom 2 März 2005 Von Michael Mielke