Elterninitiative gegen Mobbing und Gewalt an Schulen (EMGS) e.V. Foren-Übersicht Elterninitiative gegen Mobbing und Gewalt an Schulen (EMGS) e.V.
www.emgs.de
 

Der Verein von Eltern für Eltern

Das Schreiben von Beiträgen ist nur registrierten Usern gestattet

Elterninitiative-Startseite

 FAQFAQ   SuchenSuchen   MitgliederlisteMitgliederliste   BenutzergruppenBenutzergruppen   RegistrierenRegistrieren 
 ProfilProfil   Einloggen, um private Nachrichten zu lesenEinloggen, um private Nachrichten zu lesen   LoginLogin 

Kopie: Entwicklungsstörungen

 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Elterninitiative gegen Mobbing und Gewalt an Schulen (EMGS) e.V. Foren-Übersicht -> Allgemeine Diskussionen über Schulprobleme
Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
Autor Nachricht
Beitragsrekonstruktion



Anmeldedatum: 21.01.2006
Beiträge: 255

BeitragVerfasst am: 24.01.2006, 23:33    Titel: Kopie: Entwicklungsstörungen Antworten mit Zitat

DorisCarnap
Moderatorin

Schullaufbahnberaterin





Status: Offline
Registriert seit: 11.12.2004
Beiträge: 196
Nachricht senden Erstellt am 11.02.2005 - 17:14

--------------------------------------------------------------------------------


Hallo an Alle,

Erika schrieb im Thread ?Ist das auch Mobbing?:?Erzieher und Lehrer fühlen sich oft nicht zuständig...Dennoch glaube ich, dass ihnen mehr Wissen über einige Ursachen von Lern- und Verhaltensstörungen das Leben erheblich erleichtern könnte...M.E. setzen Hilfsmaßnahmen...an den Symptomen an. Ich denke jedoch, dass wirkliche Hilfe an den Ursachen ansetzen sollte, und das sind für mich diese Entwicklungsstörungen, die ein Zeichen unserer Zeit sind.?

Wo liegen die Ursachen eigentlich? Inwiefern sind die Störungen wirklich ein Zeichen unserer Zeit? Oder werden nicht oft normale Unterschiede auf einmal zu krankhaften Zuständen? Früher hieß es z.B. ?Jungen haben keine ordentliche Handschrift?, heute haben etwa 70% der Jungen, die einer Schulärztin zur Einschulung wegen besonderer Aufälligkeiten vorgestellt wurden ?feinmotorische Störungen.? (persönliche Mitteilung).

Ich hatte mich vor einiger Zeit auf die Suche gemacht, ich wollte anhand von Zahlen sehen was sich im Laufe der Zeit negativ verändert hat. Ich musste aber feststellen, dass es gar keine alten Untersuchungen gibt mit denen man vergleichen könnte wie es früher war. ?Vor 100 Jahren reichte eine relativ schlichte amtliche Statistik aus, die gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen angemessen zu beschreiben. Sie bestand vor allem aus der Mortalitätsstatistik und der über die meldepflichtigen Infektionskrankheiten.? Es hat in der Zwischenzeit ein Paradigmenwechsel stattgefunden. ?Als Mitte des 20. Jahrhunderts die Weltgesundheitsorganisation gegründet wurde, war ihr Motto:?Add years to life? ? ?Dem Leben Jahre hinzufügen?. Neuerlich wurde dieses Motto umgekehrt in: ?Add life to years? ? ?Den Jahren Leben hinzufügen.? Mehr zu diesm Thema kann man hier lesen:
http://www.kinderumweltgesundheit.d....index2/pdf/gbe/6106_1.pdf

Hier Zahlen von Untersuchungen: Im Jahr 2000 wurden bei insgesamt 15,6% der Schulanfänger auffällige Befunde im Bereich der Koordination festgestellt, bei deutlichen geschlechtsspezifischen Unterschieden: Betroffen sind 21,2% der Jungen und 9,6% der Mädchen. Im Bereich der Feinmotorik liegen die Werte bei 25,6% (Jungen) und 10,2% (Mädchen). Die Daten aus weiteren Gesundheitsberichten bestätigen das Auftreten der beschriebenen geschlechtsspezifischen Auffälligkeiten. In Nürnberg (1999) wurden bei 3,2% der Mädchen, aber bei 10,3% der Jungen motorische
Koordinationsstörungen festgestellt, in Solingen liegen die Werte bei 3,6% (Mädchen) und 9,5% (Jungen).?

Wenn in den Schulen teilweise die Leistung und das Verhalten von Mädchen als Maßstab genommen wird, bekommen die Jungen ein Problem! Ist so das Problem das die Jungen in der heutigen Zeit haben zu erklären? ?Nachdem das Dogma von den diskriminierten Mädchen lange die schulpädagogische Debatte beherrschte, seien heute Studien über und Förderprogramme für Jungen dringend erforderlich, moniert etwa der Berliner Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausitz: "Schulversagen ist vor allem ein Jungenproblem. Wer sich als Geschlechterforscher darum nicht kümmert, dem muss man sagen, dass er - oder sie ? sich vor der wichtigsten schulischen Thematik drückt." Jenseits der Klassenzimmer setzen sich die Nöte der Jungen fort. Sie sind die modernen Sorgenkinder. Sie leiden öfter unter Sprach-, Lese- und Schreibstörungen, sind häufiger geistig behindert, zeigen mehr Verhaltensauffälligkeiten. Sie sind doppelt so häufig Bettnässer wie Mädchen, stottern viermal so oft, und siebenmal wahrscheinlicher ist, dass bei einem Jungen das "Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom" (ADS) diagnostiziert wird. Was unter anderem zur Folge hat, dass mehr Jungen medikamentös "ruhig gestellt" werden. Auch die Gewalt, die sie - weit mehr als Mädchen - ausüben, stecken sie überwiegend selber ein: Jungen erleiden doppelt so oft wie gleichaltrige Mädchen Körperverletzungen und werden achtmal häufiger beraubt.? ?Neuer Mann ? was nun?
www.ispfp.ch/rpo/D/D04_ChristophKucklick.pdf


Aber auch diese Zahlen einer Untersuchung aus dem Jahr 1996 sind interessant:
23,7 % der untersuchten Jungen haben Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen im Vergleich zu
16,1 % der Mädchen

Sehen wir uns die 23,7 % Jungen näher an, dann haben
10,3% einen Minimalbefund, der kontrollbedürftig ist
3,7 % benötigen Abklärung und Behandlung
9,2% erhalten bereits eine Behandlung
0,4 % haben eine Behinderung oder benötigen sonderpädagogische Förderung.

Das sieht dann schon weniger dramatisch aus, leider ist nicht näher definiert was den sogenannten Minimalbefund (10,3%) ausmacht von dem fast die Hälfte der Fälle betroffen ist.

Einen Zusammenhang zwischen Übergewicht (Adopositas) und grobmotorischer Störungen belegen Daten aus Köln. Interessant ist hier das gehäufte Auftreten beider Befunde bei Kindern aus sozial benachteiligten Stadtteilen.

Alle Zahlen stammen aus dem Bundesgesundheitsblatt 11/2002.

Weiter geht es mit den Teilleistungsschwächen. Die Legasthenie, die Schwäche mit dem Lesen, Schreiben und Rechtschreiben, ist auch ?ein Talentsignal?. Die Kinder benutzen andere Bereiche in Hirn und können, wenn sie nicht entmutigt werden große Stärken auf anderen Gebieten entwickeln. Auch die Rechenschwäche (Dyskalkulie) offenbart unerwartetes: ?Die Lehrerinnen und Lehrer, die bei LAMP mitarbeiteten, haben allesamt erfahren, dass die sogenannten schulschwachen Kinder immer wieder Fähigkeiten bewiesen [die Hochbegabten zugeschrieben werden].? So heißt es in einem abschließenden Bericht zum englischen ?Low Attainers in Mathematics Project? (LAMP), in das etwa 40 000 Kinder einbezogen waren (Trickett & Sulkie 1993, 3Cool. ?Dies sollte jeden, der sich in irgendeiner Form mit Mathematikunterricht beschäftigt, dazu veranlassen, sich zu fragen, was er tun kann, um die Talente seiner ?schulschwachen? Kinder besser zu fördern. Die Entfaltung der mathematischen Fähigkeiten unserer Schüler darf nicht länger durch unsere geringen Erwartungen behindert werden? fordert der Mathematikdidaktiker Erich Wittmann. http://www.mathematik.uni-dortmund.....nen/pdf/foerderansatz.pdf

Werner Nestle über die ?Ursachen von ?Rechenschwäche? bzw.
?Schwierigkeiten im Mathematikunterricht? und notwendige Hilfen:
?Rechenschwäche? bzw. ?Schwierigkeiten im Mathematikunterricht? können verursacht sein durch eine schwierige Lernsituation des Schülers, eine schwierige Lehrsituation der Lehrkraft und/oder durch eine schwierige Lebenssituation des Schülers. Diagnosen dürfen deshalb nicht den auch
in der Sonderpädagogik gepflegten Mythos festigen, wonach die Ursache für ?Rechenschwäche? und Schwierigkeiten primär beim Kind liege und nur dort zu diagnostizieren und zu therapieren sei.? http://www.heilpaedagogik-online.co....aedagogik_online_0104.pdf

Anneliese hat auf ihrer Seite ?Eigensinn? die Merkmale von ADS und Hochbegabung nebeneinander gestellt. http://eigen-sinn.bei.t-online.de/merkmale.htm Mir fällt es schwer da große Unterschiede zu erkennen.

?Alle starren nur auf die Defizite und Fehler der Schüler. Unsere Kinder werden regelrecht pathologisiert?, kritisiert die Professorin für Allgemeine Grundschulpädagogik Renate Valtin in der TAZ http://www.taz.de/pt/2004/11/24/a0230.nf/text.ges,1 ?Pisa macht die Kinder krank?? wird sie gefragt. ?Nicht Pisa?, ist ihre Antwort sondern ?unsere Vorstellung tut das. Die Alltagsversion der Pathologisierung ist die mangelnde und bildungsresistente Begabung. Die medizinische Variante ist die so genannte Teilleistungsstörung. Das Kind leidet, so die Diagnose, an Rechenschwäche oder an Legasthenie, an Hyperaktivität, an ADS und AHD. Wenn ich die Apothekerblättchen ernst nehmen würde, gäbe es 60 Prozent kranker Kinder. ?Was kann man dagegen tun?? Wir könnten zur Abwechslung mal nicht nach Fehlern suchen, sondern Kindern mit Zutrauen und Bildungsoptimismus begegnen. In Finnland zum Beispiel ist man überzeugt: Jeder kann lesen, schreiben, rechnen und eine dritte Sprache lernen. Iglu und Pisa geben ihnen Recht.?

Doris







Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler." Ralph Waldo Emerson

Erika
Stammposter




Status: Offline
Registriert seit: 16.12.2004
Beiträge: 256
Nachricht senden Erstellt am 13.02.2005 - 00:00

--------------------------------------------------------------------------------


Hallo,

sind Lernstörungen wirklich ein Zeichen unserer Zeit? Ja, die Welt hat sich verändert. Unsere schnelllebige, fortschrittliche, hochtechnisierte Welt mit Waschmaschine, Auto, Fahrstuhl, Computer, Gameboy, Babysitzschalen, Babyspielgestelle, Baby-Gehfrei usw. sorgt für eine andere Wahrnehmung und für Bewegungsmangel. Ebenso bewirkt das Kiss-Syndrom eine Bewegungseinschränkung, die tiefgreifende Folgen haben kann. Durch Bewegung werden weitere Verbindungen zwischen dem Vestibularapparat und den höheren Zentren des Gehirns geschaffen, und das bereits lange vor der Geburt. Lernen findet im Gehirn statt; jedoch werden Informationen über den Körper aufgenommen und Wissen über ihn wieder ausgedrückt.

Bewegung ist sozusagen der Herzschlag des Lernens.

Mehr über dieses Thema wollte / will ich hier noch unter ?Förderung allgemein? schreiben (Wenn ich doch bloß mehr Zeit hätte!).

Vielen Menschen fällt es schwer (mir ging es früher auch so), motorische Störungen mit Lern- und auch Verhaltensstörungen im Zusammenhang zu sehen. Nicht alle motorischen Störungen sind für den Laien sichtbar. Fragt doch einmal bei den Legasthenikern nach, wie viele von ihnen nicht gekrabbelt oder nur kurz gekrabbelt sind. Ich kenne jedenfalls ganz viele.

Zahlen über die Zunahme von Entwicklungsstörungen habe ich keine gesammelt, allerdings in einigen Büchern und sonst wo darüber gelesen. Beweis genug für einen drastischen Anstieg ist für mich schon meine nähere Umgebung und Personen, mit denen ich im Internet Kontakt habe. Ich habe den Eindruck, dass es nur so wimmelt von Kindern mit Entwicklungsstörungen, obwohl die meisten Eltern dieser Kinder nichts davon wissen wollen. Wenn ich Kinder mit Lernstörungen sehe oder von ihnen höre, finden sich fast immer motorische Auffälligkeiten oder Störungen beim Sehen oder Hören, die teilweise nur erkannt werden können, wenn man sich näher mit diesen Themen auseinandergesetzt hat. Leider gibt es noch wenige Schulmediziner, die sich auskennen.

Ergotherapiepraxen, Krankengymnasten, Logopäden, Kiss-Ärzte, INPP-Therapeuten, Optometristen und Hörverarbeitungsspezialisten usw. können sicher auch bestätigen, dass die Anzahl der Kinder mit motorischen, zentralen Seh- und Hörstörungen und gleichzeitigen Lernproblemen zugenommen hat.

Jungen sind stärker von Entwicklungsstörungen und Lernproblemen betroffen, da besteht kein Zweifel. Eine Erklärung für mich ist ihr anders strukturiertes Gehirn. Dass von den Jungen in den Schulen die gleichen Leistungen wie von Mädchen erwartet werden, verstärkt ihre Probleme enorm. Kritik und Leistungsdruck wirken sich verheerend auf Motivation, Lern- und Arbeitsverhalten sowie das Arbeitsergebnis aus.

ADS ist für mich nur ein Sammelbegriff vieler Auffälligkeiten, denen u.a. Entwicklungsstörungen zugrunde liegen. Sprach-, Lese- und Schreibstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, Bettnässen und Stottern sind zu einem großen Teil Ergebnisse von Entwicklungsstörungen. Auch Aggressivität und Gewalt sind zum Teil eine Folge davon. Körperkontrolle ist eine der Voraussetzungen für Selbstkontrolle (Impulskontrolle und Fähigkeit, die Körpersprache anderer zu lesen). Außerdem führt der Teufelskreis, in dem sich die unverstandenen Jungen befinden, zu Aggressivität und vermehrter Gewaltbereitschaft.

Es ist wohl richtig, dass z.B. Legasthenie u.a. Teilleistungsschwächen auch ein Talentsignal sein können, weil diese Kinder andere Areale im Hirn für einige Aufgaben benutzen und dadurch in Teilgebieten große Stärken entwickeln können. Teilweise sind diese Kinder aber andererseits nicht in der Lage, einfache notwendige Alltagsaufgaben mühelos zu erledigen. Wenn ich da an vergangene Jahre mit meinem Sohn und an die Erfahrungen anderer Mütter mit ihren Kindern denke, finde ich es persönlich wichtiger, diese Kinder dazu zu befähigen, so zu handeln und sich so zu benehmen, dass es für sie selbst und für die Mitmenschen keine Qual ist. Besonders wichtig ist mir für meine Kinder soziale Integration. Ich glaube nicht, dass Außenseiter glückliche Menschen sind, auch wenn sie durch besondere Begabungen berühmt werden.

Eine Rechenschwäche kann m.E. durch einen ungeeigneten Unterricht oder schlechte Qualifikation der Lehrer verstärkt werden. Doch auch hier sehe ich die Wurzel in einer Entwicklungsstörung. Kinder mit Dyskalkulie haben oft taktile Wahrnehmungsschwierigkeiten. Ihr Körperchema ist nicht zuverlässig gespeichert. Zusätzlich zu intensiver Körpererfahrung müssen besonders diese Kinder Materialien zuerst im wahrsten Sinne des Wortes ?begreifen, ?erfassen?, um später sicher mit ihnen umgehen zu können. Handlungsorientierter Unterricht ist zwingend notwendig.

?Wir sollten nicht nach Fehlern bei den Kindern suchen? kann ich nur bestätigen. Wir sollten nach Wegen suchen, den Kindern zu helfen.

Für die, die sich mehr über kindliche Entwicklungsstörungen, Gehirnfunktionen, Zusammenspiel von Wahrnehmung und Motorik informieren möchten, empfehle ich folgende Bücher, aus denen ich viel gelernt habe:

"Greifen und Begreifen" von Sally Goddard

" Flügel und Wurzeln" von Dorothea Beigel (für den Laien leichter zu verstehen)Frau Beigel hat den Ansatz von Sally Goddard aufgegriffen. Sie ist/war u.a. 25 Jahre lang Lehrerin, ist diplomierte Legasthenietrainerin und leitet seit 1998 die Abteilung für neurophysiologische Kindesentwicklung im Schulamtsbezirk Wetzlar)

"Bausteine der kindlichen Entwicklung" von Jean Ayres (Sie hat das Behandlungsprogramm "Sensorische Integration" entwickelt)

Schöne Grüße
Erika





















Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"In dem Moment, wo die Hirnfunktionen vollständig und abgewogen ablaufen, erreichen die Körperbewegungen ihr höchstes Maß an Anpassung, ist Lernen eine relativ einfache Aufgabe und richtiges Verhalten ein ganz normaler Zustand."
(A. Jean Ayres)

DorisCarnap
Moderatorin

Schullaufbahnberaterin





Status: Offline
Registriert seit: 11.12.2004
Beiträge: 196
Nachricht senden Erstellt am 15.02.2005 - 16:43

--------------------------------------------------------------------------------


Liebe Erika,

auch ich besitze eine Waschmaschine, mein Sohn saß im Gehfrei, er ist Legastheniker. Allerdings steht meine Waschmaschine im Keller, meine Wohnung liegt im dritten Stock, meine Sohn saß nur im Gehfrei, während ich diese Waschmaschine bedienen musste. Mein Sohn ist Legasteniker genau wie sein Vater und Großvater. Alle drei haben etwas gemeinsam: Sie sind sehr sportlich, sehr kreativ, überdurchschnittlich intelligent, ihre Rechtschreibung ist aber nur unterdurchschnittlich. Großvater und Vater hatten, noch bevor es überhaupt eine Regelung im Umgang mit LRS gab, keine wesentlichen Schwierigkeiten in der Schule, zum Abitur hat ihre Begabung immerhin gelangt. Der jüngste in der Reihe hatte bis zum ersten ungeübten Diktat scheinbar auch keine Schwierigkeiten. Auf einmal stand in einer Riesenziffer die Note 5 unter der Arbeit. Früher wussten Lehrer, dass manche Kinder länger brauchen, um das Rechtschreiben zu lernen und sie die nie ganz sicher beherrschen werden. Heute sagen Lehrer ?das Kind ist zu dumm oder zu faul?. Und dann sind erst mal die Eltern am Zug.

Du schreibst: ?Ich habe den Eindruck, dass es nur so wimmelt von Kindern mit Entwicklungsstörungen.? Diesen Eindruck kann ich nicht bestätigen. Auch in meiner Umgebung werden Kinder die Sprachprobleme haben zum Logopäden, mit Bewegungsproblemen zur Ergotherapie, Feldenkrais oder Yoga geschickt. Aber wirkliche Störungen haben auch diese Kinder nicht, vielleicht ist Verzögerung ein passenderer Ausdruck? Ansonsten geht man in Krabbelgruppen, verbringt viel Zeit gemeinsam auf dem Spielplatz, Mutter und Kind Sportgruppen, die Kinder werden zur musikalischen Früherziehung, Malen für Kleinkinder, Schnitzen im Vorschulalter geschickt und so weiter! Manchmal wäre vielleicht weniger mehr ? denke ich. Das Aufwachsen in der Kindheit hat sich verändert, früher wurden die kleinen und die großen Kinder auf die Straße geschickt und blieben sich selbst überlassen. Heute werden die Kinder unter der Aufsicht von Erwachsenen großgezogen und speziell gefördert.

Was allerdings offensichtlich ist, ist der Zusammenhang mit Problemen aller Art von denen vor allen Dingen die sogenannten bildungsfernen Schichten betroffen sind. Da wäre natürlich eine gute Betreuung der Eltern wichtig, wie sie in Australien z.B. selbstverständlich ist. Gesunde Ernährung, genügend Bewegung, das sollten doch alle Eltern wissen wie wichtig das ist. Dann frühfördernde Kindergärten, die auch in den meisten Ländern selbstverständlich sind. Interessant ist doch, dass es in kaum einem anderen Land Schulen für Kinder mit Lernbehinderungen gibt, auf die unsere Schüler so schnell abgeschoben werden können. In den anderen Ländern geht man einfach davon aus, dass alle Kinder Lesen, Schreiben und eine Fremdsprache lernen können und sie besuchen alle gemeinsam die gleiche Schule bis zur 9. oder 10. Klasse. Sind deutsche Kinder dümmer? Natürlich nicht. Entwicklungsstörungen, Lernstörungen ? das Kind hat ein Defizit, ist nicht ausreichend begabt, ist nicht so wie wir es brauchen.

Aber ich denke wir sind uns da einig, ein Kind sollte dort abgeholt werden, wo es ist. Und das ist unter Umständen heute schwieriger als früher. Bei Kindern, die in die erste Klasse eingeschult wurden, wurden Entwicklungsunterschiede von bis zu vier Lebensjahren beobachtet. Das heißt, wenn sechsjährige gemeinsam eingeschult werden, haben manche die Reife von vierjährigen, andere die von achtjährigen. Das macht das Unterrichten in der herkömmlichen Form unmöglich und auch deswegen sind Binnendifferenzierung und Methodenvielfalt so wichtig! Damit können aber viele deutsche Lehrer überhaupt nichts anfangen. Unter gutem Unterricht wird immer noch verstanden: Der Lehrer erzählt vorn und die Kinder lauschen (gelangweilt), nach dem Motto: Wenn alles schläft und einer spricht, so nennt man dieses Unterricht. Ein interessanter Artikel aus dem Stern ?Spass am Lernen? Selten bei uns?, schön auch das erste Fotos: http://www.ggg-nrw.de/Presse/STERN.2004-11-25.PISA2.html

Sind die schnellen Bilder, verbunden mit viel action, die das Fernsehen liefert, verantwortlich für die Langeweile im Unterricht? Ich habe mich vor über 30 Jahren schon bei Lehrern gelangweilt, die schlechten und langweiligen Untericht machten, da geht es meinen Kindern überhaupt nicht anders! Und viel zu selten sind die Lehrer, die gut vorbereitet sind, Spaß an ihrem Job haben und auch noch Menschen mögen. Wenn alle Lehrer so wären wie diese Ausnahmen, da sind sich meine Kinder einig, würde Schule auch in Deutschland Spaß machen. Schlechter Unterricht ist und bleibt unakzeptabel.

Mir scheint es sinnvoll nicht so schnell von Störungen zu sprechen und genauer hinzusehen, ob es sich nicht eher um eine ?normale? Verzögerung handelt. Denn eine Definition was normal ist und was nicht oder was eine Entwicklungsstörung ist, gibt es gar nicht! Wir sollten die Definition von Normalität nicht den diversen Praxen und Spezialisten überlassen, die dann mit der angeblichen Abweichung davon ihr Geld verdienen.

Für die Eltern bedeutet eine Diagnose zuerst eine Erleichterung, ?unser Kind ist nicht dumm oder faul oder schlecht erzogen?, wie der Lehrer es behauptet hat, es hat eine Störung. Leider bleiben die Eltern auf den Kosten für Diagnose und Förderung sitzen, denn Lehrer fühlen sich für diese Kinder nicht zuständig. Und entziehen sich so mit Eleganz ihrer Aufgabe.

?Zentrale Hörverarbeitungs- und Hörwahrnehmungsschwächen, die bei einem nicht geringen Anteil unserer Schulanfänger in mehr oder weniger ausgeprägtem Maße vorliegen, sind eines der ganz wesentlichen Hindernisse auf dem Weg zum Lesen und Schreiben. Anders als motorische Entwicklungsverzögerungen oder Verhaltensauffälligkeiten werden diese diese Entwicklungsschwächen jedoch leider nur sehr selten rechtzeitig oder als eigentliche Hörwahrnehmungsschwächen bemerkt. Auditiv schwache Kinder gelten häufig statt dessen als minderbegabt, verhaltensgestört oder aufmerksamkeitsschwach - die Reaktion der Umgebung ist meist aus Sicht der Kinder unangemessen im Sinne von lediglich "mehr Druck' und führt allenfalls zu einer dann als sekundär zu bezeichnenden Verhaltensstörung. Diese Verhaltensstörungen unterliegen einer im Einzelfall gut verständlichen Psvchodynamik, belasten den Schulalltag für alle ganz enorm und erschweren oder verhindern gar jede gezielte Förderung und Therapie...Das ist sicher keine weitere vermeintliche Zusatzaufgabe für die Lehrkräfte. Im Gegenteil: hier haben wir es mit einer urpädagogischen Herausforderung zu tun, der man sich nicht entziehen kann, bei deren Bewältigung aber zumindest zwei lohnende Ziele winken.?. Das schreibt Bettina Langenbruch, sie ist Fachärztin für Kinderheilkunde und Amtsärztin, in einem Aufsatz. http://www.schure.de/schools/gs/svbl0601.htm Zum einen werden die sekundären Verhaltensprobleme vermieden und zum anderen können bei sinnvoller Förderung Defizite in diesem Bereich noch in erstaunlichem Maße aufgefangen werden und so mit dem Kinde eine echte Lern-Basis erarbeitet werden.

Du schreibst über Legasthenie: ?Teilweise sind diese Kinder aber andererseits nicht in der Lage, einfache notwendige Alltagsaufgaben mühelos zu erledigen. Wenn ich da an vergangene Jahre mit meinem Sohn und an die Erfahrungen anderer Mütter mit ihren Kindern denke, finde ich es persönlich wichtiger, diese Kinder dazu zu befähigen, so zu handeln und sich so zu benehmen, dass es für sie selbst und für die Mitmenschen keine Qual ist.? Was verstehst du unter ?einfache, notwendige Alltagsaufgaben?? Den Mitmenschen keine Qual zu sein ist selbstverständlich eine wichtiges Erziehungsziel,? einen ursächlichen Zusammenhang mit einer Legasthenie sehe ich da aber nicht. Oder reagierten die Kinder sensibel auf die abfälligen Bemerkungen ihrer Lehrer und wurden renitent, entwickelten also sekundäre Verhaltensprobleme?

Doris






Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler." Ralph Waldo Emerson

besorgteMami





Status: Offline
Registriert seit: 13.02.2005
Beiträge: 25
Nachricht senden Erstellt am 16.02.2005 - 21:49

--------------------------------------------------------------------------------


Hallo.
Ich würde auch noch gerne zu dem Beitrag von "Erika" etwas ergänzen.
Mit unseren beiden mittlern Kindern waren wir längere Zeit bei einer Kinäsiologin in Behandlung. Sie referiert auch an Schulen über "Brain gym", ist von Hause aus eine Dipl.Psychologin, führt Hynosebehandlungen durch und ist auch gelernte Krankenschwester, die bei einem britischen Hirnprofessor zwei Jahre im OP dabei sein durfte. Soviel zu ihrer Qualifikation.
Diese Dame wurde auch gefragt, ob es eine Zunahme von Kindern mit Lernproblemen gäbe. Ihre Antwort war ein klares Ja. Und weiter führte sie auch aus, dass es unter anderem mit der Reizüberflutung unserer Zeit zu tun hat. Aber auch nach neusten Erkenntnissen aus der Neurologie mit dem stets zunehmenden Elektrosmog, dem sich niemand entziehen kann. Wenn ich hier nun kurz überlege, wann der Anstieg dieser "Problemkinder" begann, trifft das ziemlich genau mit dem Einsetzen der Mikrowellen-Geräte, der Funktelefone, der SAT-Anlagen, usw. zusammen. Ich meine, einer Häufung der genannten Geräte. (Vor 20 Jahren war in kaum einem Haus etwas der Genannten zu finden.) Darüber hinaus brachte die Trainierin aber noch folgenden Punkt in die Diskussion ein: Man sollte die Belastung mit Schwermetallen keinesfalls unterbewerten. Dass die Amalganfüllungen nicht sehr menschenfreundlich sind, ist inzwischen medizinischer Fakt. Wenn man sich nun an seinen Chemieunterricht zurückerinnern, Schwermetalle lagern sich über lange Zeiträume im Körper ein und sind nur schwer abbaubar. Unsere Eltern - ich spreche jetzt von einer Generation um die 60 - bekamen damals als medizinische Neuerung diese ewighaltbaren Quecksilberfüllungen. Sie wurden Eltern, die Anreicherung des Metalls geht in Spurenelementen an das Neugeborene. Wir wurden größer, die Welt wurde schneller um uns, wir wurden noch größer und bekamen auch unsere Zahnfüllungen. Als ob das noch nicht reicht an Belastung für den Organismus kamen die Atomkraftwerke mit ihren Unfällen, die die Umwelt und unsere Nahrungskette verunreinigten. Wir wurden nun Eltern, und gaben unseren Kindern diese in uns schon eingelagerten Abfall-Stoffe mit. Niemandem muss ich erklären, wie feinstofflich Embryos reagieren. Unsere Kinder sind das Produkt vieler kleiner Faktoren, aber auch die Addition dieser kleinsten Bausteine kann eine große Rechnung ergeben.
Das Buch "Greifen und Begreifen" kann ich übrigens nur wärmstens empfehlen. Es ist leicht verständlich geschrieben, also auch ohne medizinischen Hintergrund lesbar. Und es gibt nützliche Anregungen zur Betrachtung des eigenen Nachwuchses, mit denen man zu Fachpersonen gehen kann (z.B. Ergotherapeuten, Krankengymnasten).
So, das war´s von mir zu dem Thema.
Bis dann








Erika
Stammposter




Status: Offline
Registriert seit: 16.12.2004
Beiträge: 256
Nachricht senden Erstellt am 21.02.2005 - 22:18

--------------------------------------------------------------------------------


Hallo an alle,

Enja, ich freue mich, dass hier endlich jemand das Buch ?Greifen und Begreifen? kennt und sogar empfiehlt. Hieraus kann man wirklich eine ganze Menge lernen über Lernen.

Doris, wir sind uns einig darüber, dass Kinder da abgeholt werden müssen, wo sie gerade stehen.
Wir sind uns auch darüber einig, dass Kinder sich unterschiedlich entwickeln und nicht alle das Gleiche zur gleichen Zeit lernen können. Lernschwache oder auch Hochbegabte werden momentan so gut wie nicht gefördert. Kinder aus bildungsschwachen Familien sind benachteiligt. Wir stimmen überein, dass das derzeitige Schulsystem diese Faktoren nicht berücksichtigt. Das Schulsystem ist darauf ausgerichtet, Wissen abzuprüfen und Fehler vorzuhalten. Wer nicht der ?Norm? entspricht, wird entsorgt. Viele Kinder werden gemobbt und müssen leiden, weil ihnen zu oft gesagt wird, was sie nicht können und kaum ein Lehrer zwischen ?Nichtkönnen? und ?Nichtwollen? unterscheiden kann. Einig sind wir uns auch darüber, dass nicht von Eltern verlangt werden kann, dass sie ihre Kinder so ?zurechttherapieren? lassen, bis diese der gewünschten Norm entsprechen. Gesundheits- und Bildungsministerien müssten dafür Sorge tragen, dass alle Kinder ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert werden. Hierbei ist sehr wichtig, die Schulen und Lehrer passend für die Kinder zu machen und nicht umgekehrt. Ich sehe es außerdem als besonders wichtig an (und jetzt gehen unsere Meinungen auseinander), rechtzeitig den immer häufiger auftretenden Störungen in der kindlichen Entwicklung entgegenzuwirken (Anzeichen für mögliche Lern- und Verhaltensstörungen sind teilweise bereits im Säuglingsalter erkennbar). Förderung muss an den ?Wurzeln? beginnen.

Aus einigen deiner Ausführungen erkenne ich, dass du dich mit den Zusammenhängen von Wahrnehmung ? Motorik ? Hören - Sehen ? Lernen ? Verhalten nicht näher auseinandergesetzt hast. Als Enja in einem anderen Beitrag schrieb, sie glaube nicht wirklich an Graphologie, hast du ihr geantwortet, dass sie nicht daran glaube, weil sie sich nicht damit beschäftigt hätte. Ich denke, dass du keine entwicklungsgestörten Kinder siehst, weil du dich nicht damit beschäftigt hast.

Ergotherapie beinhaltet z.B. viel mehr als nur eine Bewegungsförderung http://de.wikipedia.org/wiki/Ergotherapie. Du räumst selbst ein, dass Störungen in der zentralen Hörverarbeitung bei einem nicht geringen Anteil der Schulanfänger vorliegen. Das sind doch Entwicklungsstörungen. Leider werden diese nur sehr selten rechtzeitig oder überhaupt (von Schulmedizinern) festgestellt. Also gehe ich im Augenblick zu anderen Fachleuten, die damit Geld verdienen, oder warte noch 20 Jahre, bis die Kosten von den Krankenkassen bezahlt werden oder die Bildungsministerien sich zuständig fühlen.

Die sensorischen Systeme entwickeln sich in Abhängigkeit voneinander. Das Gehör arbeitet sehr eng mit dem Gleichgewichtssinn zusammen. Vestibuläre Impulse sind von Bedeutung für die Verarbeitung akustischer Sinneswahrnehmungen im Hirnstamm. Sinneswahrnehmungen aus dem Gleichgewichtsorgan werden gemeinsam mit denjenigen aus Muskeln und Gelenken sowie vom Sehorgan im Gehirn verarbeitet. Bei Entwicklungsstörungen zeigt oft das Hörorgan Störungen am deutlichsten. Kinder mit Sprachproblemen haben oft Hörprobleme sowie ein schlecht funktionierendes Gleichgewicht bzw. Probleme mit der Mundmotorik.

Wahrnehmungsstörungen haben auch Auswirkungen auf das Verhalten. Das Gehirn reagiert anders, der Betroffene handelt möglicherweise anders, als es die Umstände erfordern. Die Fähigkeit, die Signale der Mitmenschen wahrzunehmen und richtig zu deuten, kann u.a beeinträchtigt sein. Die soziale Integration leidet. Betroffene können mit Emotionen schlecht umgehen. Viele Faktoren spielen eine Rolle, Erziehung ist nur ein wichtiger Faktor.

Die größten Probleme entstehen m.E. durch den Teufelskreis, in dem sich diese Kinder ganz schnell befinden. Sie werden oft abgelehnt, nicht verstanden oder sogar gemobbt.

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Entwicklungsstörungen von allein auswachsen. Kinder lernen zwar einiges zu kompensieren, das eine Kind mehr, das andere weniger. Wie gesagt spielen viele Faktoren eine Rolle. Die Kinder werden sich aber immer mehr anstrengen müssen als andere Kinder und oft nicht ihr volles Potenzial zeigen können. Einige gehen auch den Bach ´runter.

Was hast du eigentlich gegen Entwicklungsförderung? Das ist eine Hilfe für Kinder und keine Belastung. Belastend für Kinder sind eher die Probleme beim Lernen, Nachhilfestunden, Legasthenietraining usw. Das ist keine Geldmacherei für dich oder? Das Argument Geldmacherei höre ich täglich von Müttern, bei deren Kindern ich ganz deutlich Entwicklungsstörungen erkennen kann. Diese Mütter lassen dann lieber die Folgeschäden beim Orthopäden behandeln z.B. mit Schuheinlagen bei Plattfüßen oder unterschiedlichen Beinlängen; die schlechte Handschrift und unübliche verkrampfte Stifthaltung wird mit einer Verkürzung der Archillessehne erklärt. Die Legasthenie wird als gegeben hingenommen, weil der Vater es ja auch schon hatte. Teures Legasthenietraining bei der VHS und Nachhilfestunden werden nicht als Geldmacherei gesehen und gern bezahlt.

Die Schulen könnten eine Menge dazu beitragen, diesen Kindern zu helfen. Der 1. und wichtigste Schritt wären Kenntnisse über Entwicklungsstörungen. Erste Ansätze für Entwicklungsförderung in einzelnen Schulen gibt es. Die sind nur leider wie eine Nadel im Heuhaufen zu finden.

ankewz.bei.t-online.de
www.legasthenie.de/Methoden/erfl-warnke.htm

Herzliche Grüße
Erika







Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"In dem Moment, wo die Hirnfunktionen vollständig und abgewogen ablaufen, erreichen die Körperbewegungen ihr höchstes Maß an Anpassung, ist Lernen eine relativ einfache Aufgabe und richtiges Verhalten ein ganz normaler Zustand."
(A. Jean Ayres)

DorisCarnap
Moderatorin

Schullaufbahnberaterin





Status: Offline
Registriert seit: 11.12.2004
Beiträge: 196
Nachricht senden Erstellt am 24.02.2005 - 08:29

--------------------------------------------------------------------------------


Liebe Erika,

du hast recht, wir sind uns über weite Strecken einig! Unsere Wege trennen sich bei der Definition von Störungen. Du behandelst Entwicklungsstörungen als seien sie ein eigenständiges genau umschriebenes Krankheitsbild. Du schließt aus meiner anderen Meinung, ich hätte mich nicht genügend mit der Problematik auseinandergesetzt. Und übersiehst meinen anderen Ansatz. Für mich ist es etwas besonderes beobachten zu können wie normal unterschiedlich Kinder sich entwickeln. Die einen laufen mit acht Monaten, die anderen mit achtzehn Monaten! Und alle lernen es und können es! Was hilft uns bei der Entscheidung was normal ist. Der Durchschnitt vielleicht? Das ist nur ein rechnerischer Wert, der wenig über Normalität aussagt. Ich halte es da eher mit Janusz Korczak : ?Wann sollte ein Kind laufen und sprechen? Dann wenn es läuft und spricht!? ?"Das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist" erarbeitete Korczak aus der Einsicht, dass jedes Kind ein einmaliges und unvergleichliches Wesen ist. Es hat das Recht auf seine individuelle Entwicklung, auf Selbstbestimmung und Entfaltung seiner Persönlichkeit... Der Erzieher hat dabei die Aufgabe, die im Kinde schlummernden Kräfte zu wecken und zu fördern. Er muss Freiräume bereitstellen, in denen das Kind sich entwickeln kann.? http://www.janusz-korczak.de/korczak_dimensionen.html

Für mich sind Kinder keine gestörten Mangelwesen sondern so wie sie sind gut und richtig. Ich habe zuallererst größte Achtung vor ihnen und ihren Begabungen! Und mein nächster Schritt ist, wenn etwas nicht gut läuft zu analysieren, warum das so ist.

Gegen Entwicklungsförderung habe ich überhaupt nichts. Ganz im Gegenteil, ich schrieb wir brauchen ?frühfördernde Kindergärten, die auch in den meisten Ländern selbstverständlich sind? damit man auch die Kinder erreicht, die von ihren Eltern nicht ?automatisch? gefördert werden. In meinem Zitat geht es um ?Zentrale Hörverarbeitungs- und Hörwahrnehmungsschwächen, die bei einem nicht geringen Anteil unserer Schulanfänger in mehr oder weniger ausgeprägtem Maße vorliegen?.

Du schreibst: ?Der 1. und wichtigste Schritt wären Kenntnisse über Entwicklungsstörungen.? Ich meine, der erste Schritt wären Kenntnisse über die normale Entwicklungsspanne von Kindern! Um dann entsprechend auf die Kinder einzugehen, die Unterstützung brauchen.

Ich kann zwar nachvollziehen, dass dir die Erkenntnis ?meine Kinder haben eine Störung? weitergeholfen hat, ich benötige diese Hilfe nicht (mehr).

Doris






Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler." Ralph Waldo Emerson

Erika
Stammposter




Status: Offline
Registriert seit: 16.12.2004
Beiträge: 256
Nachricht senden Erstellt am 24.02.2005 - 23:07

--------------------------------------------------------------------------------


Liebe Doris,

du schriebst: ?Du behandelst Entwicklungsstörungen als seien sie ein eigenständiges genau umschriebenes Krankheitsbild?

Wie kommst du darauf? Von Krankheit habe ich nie geredet, von ?einheitlich? schon gar nicht. Auch habe ich nie behauptet, dass alle Kinder zur gleichen Zeit laufen lernen müssen. Kinder sind individuell verschieden und werden es auch bleiben.

Wenn aber z.B. bereits im Säuglings- oder Kleinkindalter zu erkennen ist, dass ein Kind Störungen mit dem Gleichgewicht und der Muskelspannung hat, sollte unbedingt etwas getan werden (leider kann man sich hier nicht immer auf die Kinderärzte verlassen). Allein durch die Verknüpfungen des vestibularen und visuellen sowie des vestibularen und auditiven Bereichs können weitere Folgen wie visuelle Wahrnehmungsprobleme und/oder auditive Verarbeitungsstörungen und/oder Sprachstörungen die Folge sein, die dann zu Lern- und/oder Verhaltensauffälligkeiten führen. Es gibt sogenannte sensible Phasen in der Gehirnentwicklung z.B. für die visuelle, auditive oder Sprachentwicklung, während derer sich Schaltkreise im Gehirn entwickeln. Werden diese Phasen nicht genutzt, entstehen Schäden, die später nur schwer wieder behoben werden können.

Eine Schule, die Rücksicht auf die Individualität der einzelnen Kinder nimmt, wäre zwar wünschenswert, jedoch wird sie nicht in der Lage sein, diese Störungen wegzuzaubern.

Glaubst du, dass diesen Kindern ihr Recht, so zu sein wie sie sind, lieber ist als eine rechtzeitige Förderung, die ihnen das Lernen erleichtert?

?Der Erzieher hat die Aufgabe, die im Kinde schlummernden Kräfte zu wecken und zu fördern? kann ich nur bestätigen. Deshalb habe ich mich für eine neurophysiologische Förderung entschieden. Allerdings bin ich schon der Meinung, dass hier die Zuständigkeit eigentlich bei den Gesundheits- und Bildungsministerien liegen sollte.

Du betonst Hörverarbeitungs- und Hörwahrnehmungsschwächen im Gegensatz zu ?störungen. Was willst du damit sagen? Es sind Schwächen, die hingenommen und unveränderlich sind oder was? Störungen kann man mindern oder sogar ganz beseitigen, ebenso wie eine Verkehrsstörung oder eine Verdauungsstörung.

Mir hat nicht die Erkenntnis ?meine Kinder haben eine Störung? weitergeholfen (so ein Blödsinn, den man auch immer wieder in der Presse liest!!) sondern die Erkenntnis, dass ich etwas dagegen tun kann, und zwar so, dass meine Kinder so leicht wie möglich (ohne gesetzliche Anerkennung einer Legasthenie, Legasthenietraining oder Nachhilfe) lernen können. Dir hat die Erkenntnis ?mein Kind hat eine Schwäche, die der Vater/Großvater ebenfalls hatte, an der ich nichts ändern kann? weitergeholfen.

Jeder muss eben für sich selbst entscheiden, ob er sein Kind fördern bzw. sich für Förderung durch die Gesundheits- bzw. Bildungsministerien einsetzen möchte, oder sich mit den Lern-/ bzw. Teilleistungsstörungen abfinden will, ohne neuere wissenschaftliche Erkenntnisse zu berücksichtigen, die einigen Kindern das Lernen und Leben erheblich erleichtern können.

Schöne Grüße
Erika










Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"In dem Moment, wo die Hirnfunktionen vollständig und abgewogen ablaufen, erreichen die Körperbewegungen ihr höchstes Maß an Anpassung, ist Lernen eine relativ einfache Aufgabe und richtiges Verhalten ein ganz normaler Zustand."
(A. Jean Ayres)

DorisCarnap
Moderatorin

Schullaufbahnberaterin





Status: Offline
Registriert seit: 11.12.2004
Beiträge: 196
Nachricht senden Erstellt am 25.02.2005 - 09:36

--------------------------------------------------------------------------------


Liebe Erika,

natürlich muss man etwas tun wenn ein Kind Störungen oder Schwächen hat! Nur sollten wir doch nachdenklich werden, wenn auf einmal etwa 60% der Schulkinder Störungen haben. Welche Störungen hatten deine Kinder bevor sie in die Schule kamen? Und welche Störungen haben sie behalten, nachdem sie die Schule gewechselt haben?

Die Störungsdiagnosen, die meine Kinder im deutschen System bekamen, war auch lang. Und sie standen zum Teil im krassen Gegensatz zu den Diagnosen im anderen Schulsystem!

Du schreibst: "Dir hat die Erkenntnis ?mein Kind hat eine Schwäche, die der Vater/Großvater ebenfalls hatte, an der ich nichts ändern kann? weitergeholfen. Wie kommst du zu diesem Schluss? Für mich war erstmal klar, dass mein Kind nicht gestört ist sondern ein Problem hat wie viele andere in der Familie. Bei uns ging es um die Diagnose des Lehrers, das Kind kann kein Legastheniker sein, weil es zu intelligent ist, es ist nur faul! Dieses Urteil hat meinem ehrgeizigen, lernbereiten Sohn größte Probleme bereitet! Der ansonsten wirklich gute Unterricht des Lehrers hatte einen Haken! Der Lehrer ging davon aus, dass die deutsche Sprache lauttreu sei und er erzählte seinen Schülern sie brauchen doch nur zu schreiben wie sie es hören. Mein Sohn schrieb: Der Vatter vert Farat. Vollkommen richtig, genau wie er es hörte. Unter seinen Diktaten stand aber in Riesenziffern die Note ?fünf? und ?sechs?. Also musste ich meinem Sohn erklären, dass die deutsche Sprache nicht lauttreu ist. Einen interessanter Beitrag zu diesem Thema: Der Mythos der Lauttreue. Für eine andere Präsentation der Schrift. http://home.ph-freiburg.de/roebersi/Daten/mythos_lauttreue.pdf

Das Ergebnis ist, dass meine Sohn die Rechtschreibung mittlerweile fast altergerecht beherrscht. Jedenfalls besucht er ein Gymnasium, genau wie dein Sohn. Ich habe schon einigen Kindern allein dadurch geholfen, dass ich ihnen erklärte worin ihr Problem liegt und worauf sie achten müssen. Die Rechtschreibung der Kinder ist nicht perfekt, aber sie verbesserte sich auffallend! Ich denke, jeder geht den Weg den er für richtig hält. Und der Erfolg gibt uns beiden recht. Du hast einiges Geld investiert in diverse Therapien, das Geld habe ich gespart. Allerdings blieb auch unsere Familie nicht von den Querelen der Schule verschont, der Lehrer beharrte halsstarrig bis zum Ende auf seiner Einstellung.

Doris






Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler." Ralph Waldo Emerson

Erika
Stammposter




Status: Offline
Registriert seit: 16.12.2004
Beiträge: 256
Nachricht senden Erstellt am 27.02.2005 - 00:33

--------------------------------------------------------------------------------


Hallo Doris,

ich bleibe dabei, dass die Zunahme der Lernprobleme vieler Kinder ein Zeichen unserer Zeit und/oder die Folge eines Kiss-Syndroms sind.

Gerade deshalb müssen allerdings auch die Schulen und die Unterrichtsmethoden passend für die Kinder gemacht werden.

Die Schulen, DIE Lehrer (die ich zumindest bisher kennen gelernt habe), die Unterrichtsmethoden und -gestaltung sind wirklich die größten Stolpersteine auf dem Weg zu einem erfolgreichen Leben für viele Kinder.

Ich unterstelle den Lehrern keine böse Absicht und kann auch wirklich verstehen, dass sie einen harten Job haben, aber für ihre Lernresistenz und ihre besserwisserische Haltung den Eltern gegenüber habe ich kein Verständnis mehr.

Du fragtest, welche Störungen meine Kinder hatten, bevor sie in die Schule kamen. Die Auffälligkeiten sind mir erst bewusst geworden, nachdem ich viel über kindliche Entwicklung gelesen hatte. Abgesehen von einigen Auffälligkeiten im Säuglingsalter, die aber kein Kinderarzt für besorgniserregend angesehen hatte (leider!)fiel mir mein Großer ab ca. 3 Jahren dadurch auf, dass er sich nicht anziehen konnte bzw. ständig abgelenkt war, nicht oder versetzt auf Ansprachen reagierte, einfach nicht das tat, was der Situation angemessen war. In Spielgruppen z.B. reagierten alle Kinder auf die Anforderungen ?Jetzt ist Schluss und alle Kinder ziehen ihre Schuhe an?, nur mein Großer rannte noch mehrmals durch den Raum. Beim Schwimmunterricht fragte mich seine Schwimmlehrerin einmal, ob mein Sohn etwas mit den Ohren hätte. Alle Kinder sprangen z.B. ins Wasser, wenn es angesagt wurde, nur mein Sohn erst, wenn man ihn noch einmal oder sogar mehrmals aufforderte. Lange Zeit suchte ich nach Erziehungsfehlern, die Eltern ja ständig von allen Seiten eingeredet werden. Ich las viele Bücher und machte mir viele Gedanken. Mein Sohn war bis ca. 5 Jahren trotz der Auffälligkeiten ein lieber, gutmütiger kleiner Teddybär, der sich eher eines auf die Mütze hauen ließ, anstatt sich zu wehren. Je größer die Anforderungen an ihn, desto auffälliger wurde sein Verhalten. Im Kindergarten tobte er lieber als zu basteln oder zu malen. Am Ende der Kindergartenzeit hatte er einmal kurzzeitig einen Tic. Ein Kinderarzt äußerte mir gegenüber als Grund eventuell Unterforderung. Auffälligkeit sollte unbedingt ignoriert werden, sonst wäre Verschlimmerung zu erwarten. Die Erzieherinnen grenzten ihn jedoch deswegen aus. Er musste z.B. in einer anderen Gruppe weiteressen.

Ich könnte sicher noch Stunden weiterschreiben, auch noch über meinen jüngeren Sohn, der andere weniger deutliche Auffälligkeiten zeigte, die mir erst bewusst wurden, nachdem ich mich damit beschäftigte. Das 1. Schuljahr bei dem Großen verlief dann ja ganz gut, wahrscheinlich wegen der Großzügigkeit der Lehrer den Schulanfängern gegenüber. Danach galt er dann als sehr verhaltensauffällig. Er wurde als sehr intelligent eingestuft. Wie du auch sagtest, gerade bei intelligenten Kindern wird dann alles, was nicht so funktioniert, wie es die Lehrer erwarten, als Erziehungsfehler, Faulheit, Unlust, Bockigkeit usw. gesehen. Die Kinder leiden enorm, alle Auffälligkeiten verstärken sich, neue kommen dazu. Aus einigen Kindern werden Monster gemacht, weil die Lehrer sie nicht verstehen können und es auch nicht wollen.

Mein Großer hat gerade leider einen Rückfall in Sachen Kiss, was seine Konzentrationsfähigkeit und auch sein Verhalten beeinträchtigt. Alles Denken und Tun ist zurzeit enorm anstrengend für ihn. Leider muss ich wieder einmal feststellen, dass von den Lehrern Probleme im häuslichen Umfeld gesucht werden. Keiner hat Verständnis für seine Probleme. Eine Strafe jagt die nächste, was sich negativ auf sein Verhalten auswirkt. Alle Lehrer sind sich wieder einmal einig. ?Er könnte ja, wenn er nur wollte.? Kritik wie ?Dir beim Lesen zuzuhören, macht keinen Spaß mehr. Nimm dir ein Beispiel an xx (Legastheniker).? Letztes Jahr war mein Sohn noch Leserbester der Klasse beim Lesewettbewerb. Unter der letzen Klassenarbeit stand: ?Gerade noch 2? usw. Es hagelt eigentlich schon wieder von negativen Reaktionen und/oder Kommentaren durch die Lehrer. Mit sämtlichen fachlichen Informationen über die Hintergründe seiner zurzeit vorhandenen Probleme renne ich wie gewohnt gegen Wände. Einige Kinder reagieren mit Rückzug, andere rebellieren gegen das Unverständnis der Lehrer. Mein Sohn rebelliert, ist sehr sensibel und schon wieder völlig verzweifelt, weil ihn keiner mag und versteht.

Wenn es Ärzte wären, würde ich mir andere aussuchen, den Lehrern bin ich mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. Ich kann ja nicht ständig die Schule wechseln.

Herzliche Grüße
Erika

[Dieser Beitrag wurde am 27.02.2005 - 11:40 von Erika aktualisiert]





Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"In dem Moment, wo die Hirnfunktionen vollständig und abgewogen ablaufen, erreichen die Körperbewegungen ihr höchstes Maß an Anpassung, ist Lernen eine relativ einfache Aufgabe und richtiges Verhalten ein ganz normaler Zustand."
(A. Jean Ayres)

DorisCarnap
Moderatorin

Schullaufbahnberaterin





Status: Offline
Registriert seit: 11.12.2004
Beiträge: 196
Nachricht senden Erstellt am 15.03.2005 - 18:42

--------------------------------------------------------------------------------


Liebe Erika,

da sind wir einer Meinung ?dass die Zunahme der Lernprobleme vieler Kinder ein Zeichen unserer Zeit?sind. Beim KiSS Syndrom als Ursache bin ich nicht mehr ganz dabei, weil dafür Probleme auf eine ?durch die Geburt entstandene Kopfgelenk-induzierte-Symmetrie-Störung? (KiSS) reduziert werden. Das KiSS Syndrom, dann verantwortlich für Probleme der Fein- und Grobmotorik, Kraftdosierung, Konzentrationsstörungen, Hyperaktivität, Verhaltensauffälligkeiten und Kopfschmerzen sein soll (http://www.kiss-info.de/KIDD.html) erscheint mir zweifelhaft. Ich sehe für diese Probleme andere Ursachen.

Hier nochmal andere Beobachtungen:

-Bei einer schulärztlichen Untersuchung in Baden- Württemberg, die zur Einschulung gemacht wurden und dann nochmal in der vierten Klasse, wurde festgestellt, dass sich innerhalb dieser vier Jahre alarmierende Veränderungen bei den Kindern beobachten ließen.

-Eine Freundin von mir, die sich als Feldenkraispädagogin auf Kinder spezialisiert hat, bestätigt diese Beobachtung. Auch sie empfindet es als alamierend welche Veränderung bei Schulkindern zu beobachten sind. Es handelt sich im wesentlichen um erhebliche Verspannungen. Die besonders im Nacken- und Rückenbereich als Folgen Konzentrationsstörungen, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Migräne, Schlafstörungen und Nervosität haben können.

-An der örtliche Sonderschule ist ein Beratungs- und Förderzentrum (BFZ) angeschlossen, die dort angestellten Sonderschullehrer gehen an ?normale? Schulen, um dort Lehrer bei auftreten Problemen zu unterstützen. Vor einiger Zeit bat ich den damaligen Leiter der Sonderschule um Beispiele für derartige Einsätze. Seine Beispiele überraschten mich, denn alle Fälle von denen er berichtete, handelten davon, dass Lehrer sich falsch verhalten haben, Schüler darauf reagierten, die Angelegenheit eskalierte und dann um Unterstützung gebeten wurde. Vor kurzem fragte ich eine befreundete Sonderschullehrerin, die 1 ½ Jahre für dieses Zentrum gearbeitet hat, ob sie diesen Eindruck aus ihrer Erfahrung bestätigen kann, sie konnte.

-Hier zitiere ich nochmal aus dem Aufsatz von Bettina Langenbruch (Fachärztin für Kinderheilkunde und Amtsärztin): ? Auditiv schwache Kinder gelten häufig statt dessen als minderbegabt, verhaltensgestört oder aufmerksamkeitsschwach - die Reaktion der Umgebung ist meist aus Sicht der Kinder unangemessen im Sinne von lediglich "mehr Druck' und führt allenfalls zu einer dann als sekundär zu bezeichnenden Verhaltensstörung. Diese Verhaltensstörungen unterliegen einer im Einzelfall gut verständlichen Psvchodynamik, belasten den Schulalltag für alle ganz enorm und erschweren oder verhindern gar jede gezielte Förderung und Therapie...Das ist sicher keine weitere vermeintliche Zusatzaufgabe für die Lehrkräfte. Im Gegenteil: hier haben wir es mit einer urpädagogischen Herausforderung zu tun, der man sich nicht entziehen kann, bei deren Bewältigung aber zumindest zwei lohnende Ziele winken. Zunächst entspannt sich die Situation für das einzelne auditiv schwache Kind und auch für die Lehrkraft, wenn diese weiß: "Hänschen kann unter bestimmten Bedingungen auch beim besten Willen nicht wirklich hören, was ich sage. Das hat nichts mit seiner Motivation oder meiner Unfähigkeit zu tun." Werden die sekundären Verhaltensprobleme auch nur teilweise verhindert, so dürften dies schon den Grundschulalltag deutlich entlasten. Zum Anderen unterliegt die kindliche Hörwahrnehmung einem Reifungsprozess, der nicht mit Schulbeginn abgeschlossen ist. Bei sinnvoller Förderung können Defizite in diesem Bereich noch in erstaunlichem Maße aufgefangen werden und so mit dem Kinde eine echte Lern-Basis erarbeitet werden.? http://www.schure.de/schools/gs/svbl0601.htm

Ich kritisiere vor allen Dingen, dass Eltern für aus der Unwissenheit von Lehrern verursachte und entstehende Probleme, verantwortlich gemacht werden und dann auch noch viel Geld für Diagnosen und u.U. Therapien ausgeben müssen, z.B.:

- für eine aufwändige Diagnose von auditiven Wahrnehmungsstörungen und die Förderung der Kinder
- für eine Diagnose der Verhaltensstörung und die Therapie
- für eine aufwändige und teure Diagnose einer Lese- Rechtschreibschwäche und die Therapie
- für eine aufwändige und teure Diagnose, wenn Minderbegabung angenommen wird und Normal- oder sogar Hochbegabung herauskommt

Du schreibst: ?Mein Großer hat gerade leider einen Rückfall in Sachen Kiss, was seine Konzentrationsfähigkeit und auch sein Verhalten beeinträchtigt. Alles Denken und Tun ist zurzeit enorm anstrengend für ihn.?

Ich weiß nicht wie alt dein Sohn ist, es könnte sich aber auch um Probleme handeln, die mit der beginnenden Pubertät zusammenhängen. ?Anders als bisher angenommen strukturieren sich die Gehirne von Jugendlichen in der Pubertät weiter und zum Teil dramatisch um.? Das Gehirn von Jugendlichen ist einen Baustelle, ein Beitrag der sich mit damit beschäftigt heißt: ?Wegen Umbaus vorübergehend geschlossen - Gehirnentwicklung in der Pubertät.? http://www.learn-line.nrw.de/angebo....banlass/lernen/pub_2.html ?Ab dem 10. / 12. Lebensjahr verdünnen sich die grauen Zellen mit einer Rate von 0.7% pro Jahr.? Auch für die pubertären Veränderungen der Kinder haben viele Lehrer kein Verständnis. Und auch hier wird die sorgfältige Heftführung und die bessere Rechtschreibung der meisten Mädchen als normal angenommen und die unzureichenden Leistungen der meisten Jungen als nicht normal.

Du schreibst: ?Die Schulen, DIE Lehrer (die ich zumindest bisher kennen gelernt habe), die Unterrichtsmethoden und -gestaltung sind wirklich die größten Stolpersteine auf dem Weg zu einem erfolgreichen Leben für viele Kinder.? Sie müssen es nicht sein, aber wenn sie es sind, hat sich bis jetzt kaum jemand dafür interessiert. Nicht umsonst haben die einzelnen Bundesländer eine veränderte Ausbildung der Lehrer in die Wege geleitet. Unser Problem ist Folge einer mangelnden Auswahl der angehenden Lehrer, einer unzureichenden Aus- und Weiterbildung. Außerdem gibt es bis jetzt keine wesentliche Kontrolle und Rückmeldung zur Leistung nach Beendigung des Referendariats. Dieses Thema wurde bei uns jahrelang sträflich vernachlässigt. In anderen Ländern wird das anders gehandhabt, wie eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) http://www.ggg-nrw.de/Qual/DIPF.PISAVergl2003.pdf Ob die Veränderungen, die in den einzelnen Bundesländern in die Wege geleitet wurden ausreichen, bleibt abzuwarten.

Grüße

Doris Carnap






Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler." Ralph Waldo Emerson
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Beitragsrekonstruktion



Anmeldedatum: 21.01.2006
Beiträge: 255

BeitragVerfasst am: 24.01.2006, 23:35    Titel: Seite 2 Antworten mit Zitat

Erika
Stammposter




Status: Offline
Registriert seit: 16.12.2004
Beiträge: 256
Nachricht senden Erstellt am 16.03.2005 - 22:32

--------------------------------------------------------------------------------


Hallo Doris,

leider ist es so, dass sich nur einige Betroffene und wenige über ihren Tellerrand hinausschauende Kinderärzte mit dem Thema Kiss und Folgen näher beschäftigen. Diejenigen, die sich wirklich damit auseinandersetzen und sich näher informieren, sind auch von der Existenz und den Auswirkungen überzeugt. Wer die Meinung der Mehrheit einfach übernimmt, wird nicht zu überzeugen sein.

Sogar Lehrer aus dem Lehrerforum, allerdings hier nur zwei persönlich Betroffene, sind inzwischen überzeugt. Scheinbar sind nur Betroffene bereit, sich näher zu informieren.
http://19087.rapidforum.com/topic=100579910574&startid=1

Wer glaubt, dass eine Kissbehandlung bei Kindern nach dem 1. Lebensjahr ausreicht, wird auch leicht in Versuchung kommen, den Behandlungserfolg anzuzweifeln. Bei einigen Kindern scheint allein eine Kiss-Behandlung Wunder zu bewirken. Allerdings bei vielen sind noch frühkindliche Reflexe vorhanden, die auch große Auswirkungen auf Lernen und Verhalten haben können.

Außerdem möchte ich nochmals betonen, dass es auch ohne Kiss zu Entwicklungsstörungen kommen kann. Kiss kommt allerdings häufig vor.

Auf beginnende Pubertätserscheinigungen wurde ich auch schon von anderer Seite aufmerksam gemacht. Dazu passen einige Auffälligkeiten jedoch nicht.

Bei meinem Sohn wurde festgestellt, dass seine Augen zurzeit zu wenig Gleichgewichtsinformationen bekommen (ein kurzer postrotatorischer Nystagmus ist ein Zeichen dafür). Andere Auffälligkeiten, die ich jetzt hier nicht alle aufzählen möchte, deuten ebenfalls nicht auf Vorpubertät hin.

In "Bausteine der kindlichen Entwicklung" von Jean Ayres habe ich danach gelesen:

...dass ein kurzer postrotatorischer Nystagmus ein Zeichen dafür ist, dass die vestibulären Kerne im Hirnstamm keine ausreichenden Informationen von seinem Gleichgewichtsorgan erhalten oder diese Informationen nicht richtig verarbeiten

... Die vestibulären Kerne im Hirnstamm senden elektrische Impulse durch das Rückenmark, das seinerseits Impulse an die Muskeln weiterleitet, wodurch diese Informationen erhalten, wann und in welchem Ausmaße sie sich zu kontrahieren haben.

... Sämtliche Muskeln des Körpers müssen zur Kontraktion in der Lage sein, um das Gleichgewicht aufrecht erhalten zu können.

...Das vestibuläre System trägt mit einem großen Anteil sensorischer Informationen, die in das retikuläre Warn- und Wecksystem eingespeist werden, dazu bei, einen Menschen wach- und abwehrbereit zu halten.

... Jede Störung in der Verarbeitung von Sinnesinformationen aus dem Gleichgewichtssinn, von den Augen und der Halsmuskulatur wird wahrscheinlich die visuelle Wahrnehmung erheblich beeinträchtigen.

...Die Halsmuskeln benötigen besondere Beachtung, da die Sinneswahrnehmungen aus ihnen einen erheblichen Beitrag zur visuellen Wahrnehmung liefern.

Mir erscheint das alles logisch nachvollziehbar erklärt. Wenn ich dann noch eigene Erfahrungen und die anderer Betroffener, die Erfolge erzielt haben dazu nehme, kann ich eigentlich nicht anders als davon überzeugt zu sein.

Abgesehen davon kann ich dir sonst nur zustimmen. Durch Berücksichtigung der Besonderheiten einiger Kinder kann viel Unheil vermieden werden. Viele Probleme enstehen dadurch, dass Lehrer nicht mit nicht genormten Kindern umgehen können. Sie können wahnsinnig viel kaputt machen, Lernstörungen und Verhaltensauffälligkeiten enorm verstärken oder sogar auch erst auftreten lassen.
Gesundheitsministerien und Bildungsministerien sind m.E. verantwortlich, die Kinder rechtzeitig zu fördern - und diese Förderung kann bei vielen Kindern bereits im Säuglingsalter beginnen.

Darauf zu warten, dass sich die Auffälligkeiten einiger Kinder auswachsen bzw. durch individuelle Förderung von allein verschwinden, ist laut einiger Fachleute ein falscher Weg. Jedes Kind wird lernen, mit mehr Anstrengung im Laufe seines Lebens einiges besser zu kompensieren, aber warum sollen wir es ihnen antun, wenn rechtzeitige neurophysiologische Förderung das Leben leichter machen kann. Je früher die Förderung, deso größer der Erfolg!

Einen schönen Abend noch!

Erika

[Dieser Beitrag wurde am 16.03.2005 - 22:37 von Erika aktualisiert]





Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"In dem Moment, wo die Hirnfunktionen vollständig und abgewogen ablaufen, erreichen die Körperbewegungen ihr höchstes Maß an Anpassung, ist Lernen eine relativ einfache Aufgabe und richtiges Verhalten ein ganz normaler Zustand."
(A. Jean Ayres)

DorisCarnap
Moderatorin

Schullaufbahnberaterin





Status: Offline
Registriert seit: 11.12.2004
Beiträge: 196
Nachricht senden Erstellt am 19.03.2005 - 16:07

--------------------------------------------------------------------------------


Liebe Erika,

ich sehe das KiSS Syndrom als Verursacher kritisch, aber nicht die Therapie dagegen: ?behandelt wird das KISS-Syndrom durch eine Lösung der HWS-Blockade. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten und Methoden. Manualtherapeutisch kann z.B. mit der Chirotherapie, der Atlastherapie, Dorn-Therapie oder der HIO-Technik gearbeitet werden. Die Osteopathie und die craniosacrale Impulsregulation (CSIR) sind ebenfalls Methoden zur Lösung der Blockade.? (http://www.bredner.de/KISS.html#definition) Es wäre für mich interessant zu erfahren womit dein Sohn behandelt wird. Ein anderer Ansatz ist, den Beckenschiefstand für ähnliche Symptome verantwortlich zu machen.

Grundsätzlich ist das menschliche Skelett genial aufgebaut, es ist aber nur ein ?rein passives System? wie es im Gesundheitsbrockhaus so schön heißt, ?das erst durch das Spiel der Muskeln zu den vielfältigen Bewegungen befähigt wird.

Moshe Feldenkrais, er war Physiker und Judolehrer, hat aus der Erkenntnis, dass Muskeln (und Sehnen und Bänder) für die volle Funktion des Skeletts verantwortlich sind, eine Methode entwickelt, die die Funktionstüchtigkeit aller Muskeln übt - die Feldenkrais Methode. Diese Methode ist hilfreich bei Beschwerden die durch Verspannungen verursacht werden, aber auch bei sehr schweren Erkrankungen wie z.B. Schlaganfall, MS und Morbus Bechterew.

Noch mal zum Überdenken:

Das Beispiel Vorpubertät weist du mit dem Argument zurück: dass ?seine Augen zurzeit zu wenig Gleichgewichtsinformationen bekommen (ein kurzer postrotatorischer Nystagmus ist ein Zeichen dafür)?

Das Gleichgewichtsorgan sitzt im Ohr, die Verbindung zu den Augen findet über das Gehirn statt durch die Verarbeitung und Verbindung der verschiedenen Wahrnehmungen. Wenn das Gehirn in der Pubertät dermaßen umstrukturiert wird, erscheint es mir nicht unwahrscheinlich, dass solche Störungen pubertätsbedingt auftreten können.

Du zitierst Ayres: ...? Jede Störung in der Verarbeitung von Sinnesinformationen aus dem Gleichgewichtssinn, von den Augen und der Halsmuskulatur wird wahrscheinlich die visuelle Wahrnehmung erheblich beeinträchtigen.? Auch dabei werden alle eingehenden Informationen im Hirn verarbeitet.

Du zitierst ?Das vestibuläre System trägt mit einem großen Anteil sensorischer Informationen, die in das retikuläre Warn- und Wecksystem eingespeist werden, dazu bei, einen Menschen wach- und abwehrbereit zu halten.?

Hier ist schon bewiesen, dass sich das System aufgrund einer veränderten Melatoninausschüttung in der Pubetrtät verändert: ?Neue Forschungen haben ergeben, dass Schüler nicht genug schlafen. Wenn Jugendliche in die Pubertät kommen, wird dieses Problem besonders deutlich. Denn dann verschieben sich die Schlafzeiten aus biologischen Gründen nach hinten: Die Jugendlichen werden am Abend später müde und dafür am nächsten Morgen später wach.? Der Schlafforscher ?Jürgen Zulley fordert deshalb, dass die Schulen ihre Stundenpläne reformieren und dem natürlichen Schlafzyklus der Heranwachsenden anpassen. Ein späterer Beginn des Unterrichts kommt nach Meinung des Regensburger Biologen nicht nur dem menschlichen Biorhythmus entgegen. Dadurch werde auch die Leistungsfähigkeit der Schüler erhöht. Auch die Appetitlosigkeit am Morgen schade den Schülern, so Zulley. Könnten sie länger schlafen, würde das Frühstück besser schmecken, argumentiert der Wissenschaftler. Und die Qualität des Schlafs würde verbessert werden. Zudem seien die Schüler dann weniger anfällig für Krankheiten und der Unterricht mache mehr Spass.? (http://www.cityinfonetz.de/tagblatt/archiv/2002/02/15/schlaf.phtml )
Hier ein Interview mit Jürgen Zulley: http://www.wdr.de/tv/service/familie/inhalt/20020123/b_3.1.phtml

Diese Erkenntnisse haben in Amerika bereits zu Konsequenzen geführt, an vielen weiterführenden Schulen fängt der Unterricht deswegen erst um 9Uhr an. Während sich unsere Lehrer über die müden Pubis aufregen und von Vernachlässigung durch die Eltern reden, wenn die Kids nicht gefrühstückt haben!

Du forderst: ?Gesundheitsministerien und Bildungsministerien sind m.E. verantwortlich, die Kinder rechtzeitig zu fördern - und diese Förderung kann bei vielen Kindern bereits im Säuglingsalter beginnen.?

Auf Bundesebene ist Renate Schmidt immerhin aktiv geworden, auf Länderebene haben Bayern, Berlin und Hessen sich Vorschläge zur Entwicklung von Bildungs- und Erziehungsplänen von Wassilios Fthenakis machen lassen, er ist einer der wenigen, die sich mit Frühpädagogik beschäftigt haben. http://www.ifp-bayern.de/cms/Fruehfoederung.pdf

Im einem Interview mit der Zeitschrift ?Betrifft Kinder? 7/2004 http://www.fthenakis.de/cms/Int-AufdenAnfang.pdf auf Seite 10 kann man das Anliegen von Wassilios Ftenakis lesen, dass man aber nicht nur einzelne Problembereiche sehen soll, sondern alle Problembereiche in einen übergeordneten Ansatz einzubetten. ?Wie gehen wir mit Differenzen um? Eine Dimension ist die kulturelle Dimension. Andere Dimensionen sind das Geschlecht, Stärken und Schwächen von Kindern oder Kinder mit besonderen Bedürfnissen im Unterschied zu Kindern, die solche Bedürfnisse nicht haben. Das heißt, wir brauchen ein übergeordnetes Konzept wie wir philosophisch mit Differenzen umgehen. Bis jetzt haben wir die Differenzen als Bereicherung ignoriert oder eliminiert. Ich schlage vor, dass wir Differenzen als Bereicherung betrachten, sie begrüßen, sie für mehr Lernerfahrung nutzen und dadurch auch für mehr Integration.?

In diesem übergeordneten Ansatz ist Platz für alle Kinder, egal welches Geschlecht sie haben, welche Nationalität, welche Stärken oder Schwächen! Wir sind uns einig, dass in unserem System die Kinder mit Entwicklungsstörungen genauso vernachlässigt werden, wie alle anderen Kinder die von der Norm abweichen. Unsere unterschiedliche Einschätzung kommt dadurch zustande, dass ich die Entwicklungsunterschiede etwas differenzierter betrachte.

Grüße

Doris






Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler." Ralph Waldo Emerson

Brit





Status: Offline
Registriert seit: 30.01.2005
Beiträge: 19
Nachricht senden Erstellt am 20.03.2005 - 01:19

--------------------------------------------------------------------------------


Hallo, Doris!
Also, ich werde jetzt nur kurz auf deine Skepsis gegenüber HWS-Blockade (häufig benannt als Kiss- Syndrom) als mögliche Ursache für Lern- und Verhaltensstörungen eingehen bzw. wiss. Pro und Contras einbringen, sondern einfach nur aus meiner eigenen Erfahrung berichten.
Ich selbst bin Mutter 3-er Kinder, beruflich Lehrerin. Im Juli vergangenen Jahres wurde bei meinem Baby (da. 8 Wo. alt) eine Blockade der beiden oberen HW festgestellt. Nach Behandlung bei einem darauf spezialisierten Arzt konnte sie plötzlich nicht nur den Kopf drehen, sondern das exzessive Spucken, die Bindehautentzündung auf einem Auge war sofort weg, und... Je mehr ich mich damit befasste, desto mehr kam ich zu der Überzeugung, evt. könnte ja auch bei meinem Großen (fast 1Cool so eine Blockade vorliegen, vielleicht ist nicht allein seine Hochbegabung (wobei er nie malen oder "schön" schreiben konnte)/ Unterforderung/ Mobbing Ursache für seine permanenten Schulkopfschmerzen, das allmorgendliche Erbrechen etc. (was sich in der Pubertät übrigens auch zusätzlich verstärkte, denn natürlich ist das noch zusätzlich eine Umstellung)? Auch er hat eine Blockade der beiden oberen Halswirbel, wie ich seit 2 Tagen weiß. Meine große Tochter (6, ebenfalls hochbegabt) wurde im Okt. am C1/ C2 behandelt, auch bei ihr waren die oberen HW blockiert. Nach Behandlung besserte sich ihr Gleichgewicht, was wir daran merkten, dass unser "Katastrophenkind" viel weniger Unfälle baute (Stolpern, irgendwo Gegenlaufen etc.) Im Februar meinte unsre KG, dass sie wieder blockiert sei, sie war auch wieder wilder. Beim (Zufalls-)Gespäch letzte Woche mit der Klassenleiterin stellte sich heraus, dass sie im Nov./ Dez./ Jan. plötzlich supersauber schreiben könnte, und nun seit kurzem klappte es wieder nicht ("ob sie sich jetzt keine Mühe mehr gäbe oder einfach nicht kann"- machte sich die L. doll Gedanken). Der Arztbesuch am Do. ergab, dass sie tatsächlich wieder blockiert war. Zufall??? <Übrigens ist sie definitiv noch nicht in der Pubertät.>
Wie auch immer, auch ich hatte mich im Okt. untersuchen lassen, nachdem ich mich mit möglichen Folgen des nicht behandelten "Kiss-Syndroms" befasst hatte. Evt. könnte doch hier eine Ursache für meine Kopfschmerzen, die Nackenverspannungen, meine "Alltagsunfälle", Orientierungsprobleme liegen? Naja, und ich war ja auch in meiner Schulzeit schon so ein Trampel. Nach dem Motto: Wenn der Volleyball kommt, erst mal in Deckung gehen. Und in Folge wurde auch ich am Atlas/ Axis behandelt. Und weißt du was? Ich habe seither keine Schmerzspritzen mehr gebraucht, auch dem Kopf geht es besser!!! Da brauch ICH persönlich nun echt nicht mehr zu überlegen, ob ich das jetzt zweifelhaft finde, was da bei www.kiss-kid.de aufgeführt wird oder nicht (nach meinen bisher 39 Jahren) dass die Kopfschmerzen ihre Ursache in der HW-Blockade gehabt haben könnten.
Ja, von den Schülern, die ich bislang zur Diagnostik hatte seit der Zeit, da ich um dieses Problem weiß (es waren zumeist zentral auditiv hörgeschädgigte Kinder- auch das gibt es wirklich, und die Kinder haben Anspruch auf Sonderpäd. Förderung , die im übrigen in unserem Schulsystem kostenlos ist sowie auf Nachteilsausgleich, "schwerere" Fälle verfügen sogar über Schwerbehindertenausweise!), waren auch einige (ehrlich gesagt, die meisten von ihnen) auffällig in dieser Richtung. Nachdem ich diese umfassend bez. Fein- und Grobmotorik/ Kopfbeweglichkeit geprüft hatte und sich meine Vermutung bestärkte, habe ich die Eltern auf diese mögliche Problematik aufmerksam gemacht. Ungefähr die Hälfte suchte in Folge einen Spezialisten auf, wo sich bei ALLEN diesen (wohlgemerkt dahingehend für mich auffälligen) Kindern eine HW- Blockade bestätigte, die durch den Spezialisten gelöst wurde. Bei manchen mit bemerkenswertem Erfolg. Z.B. besserten sich Sprachprobleme, Gleichgewicht, Konzentration, Verhalten. In unterschiedlichem Maße natürlich und nicht komplett, der Zeitraum ist ja auch recht kurz gewesen, und leider haben wenige eine weiterführende Therapie bez. der perisistierenden frühkindlichen Reflexe in Angriff genommen.
Was ich immer überhaupt nicht verstehen kann, ist: Ich kann es ja nach Lesen fragwürdig finden und muss auch nicht alles glauben, was irgendwer irgendwo schreibt. ABER WARUM SOLL ICH NICHT VERSUCHEN, dem Kind bestmögliche Hilfe zukommen zu lassen, in dem ich auf solche Blockaden hinweise und schaue, was sich nach "Freischaltung" für mögliche Verbesserungen/ Erleichterungen für das Kind ergeben. Damit nimmt man doch keinem was weg und tut niemand weh!
Ja, hab jetzt nicht geschaut, ob die Erika da schon drauf hingewiesen hatte: Laut Studie der Hebamme Barbara Bredner hatten ca. 50% der dort untersuchten Babys tatsächlich HW- Blockaden. Laut Dr. Koch (unser Kiss-Doc www.kisskinder.de) sind es 30% der Bevölkerung, die durch Blockaden mehr oder weniger beeinträchtigt werden. Von den schätzungsweise 10% Therapiebedürftigen lassen sich max. 1% behandeln. In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf einen hochinteressanten Aufsatz von Dr. Koch hinweisen "Können Enwicklungsauffälligkeiten Schulprobleme bereiten", in dem auch ein Fragebogen-Screening für KiÄ auf evt. Hinweise enthalten ist. Zu finden auf seiner HP unter Fachaufsätze sowie auch unter www.kiss-kid.de unter dem Link "Druckversionen".
So, nun bin ich zum Schluss doch noch wissenschaftlich geworden und hab auch viel mehr geschrieben als ich eigentlich wollte. Ich hoffe, ich konnte damit ein bisschen zum Nachdenken anregen und für diese Thematik öffnen. Schöne Grüße!





Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"Deine Kinder sind nicht deine Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Du kannst ihnen deine Liebe geben, nicht aber deine Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken." Khalil Gibral

Brit





Status: Offline
Registriert seit: 30.01.2005
Beiträge: 19
Nachricht senden Erstellt am 20.03.2005 - 21:51

--------------------------------------------------------------------------------


Liebe Doris!
Ich habe jetzt nochmals ALLES haargenau durchgelesen und muss jetzt eines richtigstellen:
Die Diagnose zentraler Hörstörungen oder -schwächen, wie immer du es betiteln willst, brauchst du in der Regel nicht zu bezahlen. Du brauchst dafür eine Überweisung des HNO-Arztes an die entsprechende Phoniatrie und Pädaudiologie, die meist an Unikliniken angesiedelt sind. Somit ist die Untersuchung zwar zeit-, aber nicht kostenaufwändig.
Dass ein Kind mit dieser Schwäche minderbegabt sein soll, ist so auch nicht richtig. Ja, sie wirken tatsächlich oft so, als träfe dises zu und bleiben in ihren Leistungen häufig weit unter ihren tatsächlichen sprachfreien Fähigkeiten. Und das ist ja das wahnsinnig Ungerechte: Um genau das zu erreichen wie ein nicht hörbeeinträchtigtes Kind, muss dieses viel mehr reinpowern als das andere, und das schlaucht. Nach dem Motto "Alle Kräfte an die Front". Bevor man diese Diagnose kannte, also vor noch nicht allzu langer Zeit, versagten viele dieser Kinder trotz durchschnittlicher oder besserer Intelligenz oft völlig in den Regelschulen und wurden dann den Allgemeinen Förderschulen zugeordnet. Auch heute sehen viele Lehrer diese Diagnose noch als "Ausrede". Daher wird bei dieser Diagnostik auch immer abgeprüft, wie die intellektuellen Fähigkeiten sind, und bei tatsächlich unterdurchschnittlicher Intelligenz wird eine Fehlhörigkeit meist der Lernbeeinträchtigung zugeordnet. Aber auch diese Diagnose ist kostenfrei!!!
Übrigens gibt es Kinder mit zentralen Hörstörungen oder Schwächen (kurz AVWS genannt) an Gymnasien! Häufig zeigen sie Legasthenieprobleme trotz sonst super Leistungen und guter Intelligenz...

So, nun mein persönliches Anliegen an dich: Du beschreibst die Legasthenieproblematik deines Sohnes usw.. Das geht mir einfach nicht aus dem Kopf, beschäftigt mich. Ich muss dir echt raten (sonst ist das meinerseits unterlassene Hilfeleistung, sagen muss ich´s, was du mit der Info machst, ist letztendlich deine Sache), ihn auf evt. zentrale Hörbeeinträchtigungen untersuchen zu lassen zum Einen. Habe ich bei meiner übrigens Tochter auch gemacht, zwar wirkte sie in der Beziehung nicht auffällig, aber nach den 6 Paukendrainagen- wollte einfach Sicherheit, um sie entsprechend fördern können und Hilfe zu bieten. Diagnose zum Glück negativ).
Zum anderen hab ich festgestellt, dass Kinder mit Legasthenieproblemen häufig Blockaden im HWS-Bereich haben. Lass ihn doch untersuchen, evt. meinst du, es geht doch und er schafft´s ja doch mit dem Gymmi. Aber vielleicht könntest du ihm doch ein Stück Hilfe geben, dass es sich leichter lebt? Unser Kiss- Doc hatte übrigens selbst ne HWS-Blockade, an der er mit ca. 30 behandelt wurde und meint, hääte er das früher gewusst und getan, wäre ihm sein Studium um einiges leichter gefallen.
Wenn du überlegst, aber nicht sicher bist, einen Spezi aufzusuchen, dann guck dir doch einfach mal den Rücken deines Sohnes an (natürlich ohne Hemd und so), Arme an der Seite runterhängen lassen sowie evt. die Po-Falte. Sollten seine Schulterblätter unterschiedlich hoch stehen oder unt. weit herausgucken, die Falte asymmetrisch sein, so ist das ein sicheres Zeichen, dass du weitergehende US anleiern solltest.
So, morgen haben meine Kiddies übrigens einen Termin zur Überprüfung auf Winkelfehlsichtigkeit, mal schauen, will sichergehen, dass ich alles getan habe, ihnen die besten Voraussetzungen zu schaffen. Nicht defizitorientiert- Oh Gott, jetzt haben sie auch noch das-, sondern helfen, ihre Ressourcen maximal auszunutzen.
Dir und deinem Jungen alles Gute! LG





Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"Deine Kinder sind nicht deine Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Du kannst ihnen deine Liebe geben, nicht aber deine Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken." Khalil Gibral

Erika
Stammposter




Status: Offline
Registriert seit: 16.12.2004
Beiträge: 256
Nachricht senden Erstellt am 30.03.2005 - 22:04

--------------------------------------------------------------------------------


Hallo Doris,

du hattest vor einigen Tagen gefragt, mit welcher Methode das Kiss-Syndrom bei meinem Sohn behandelt wurde. Wir waren bei Dr. Koch in Eckernförde. Er ist einer der Kiss-Koryphäen überhaupt, allerdings Privatarzt. Er behandelt mit der Hio-Technik. Warum fragtest du danach?

Hallo Brit, schön dass du auch über Kiss und Co. schreibst. Ich kam mir hier bisher doch ziemlich exotisch vor.

Schöne Grüße
Erika





Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"In dem Moment, wo die Hirnfunktionen vollständig und abgewogen ablaufen, erreichen die Körperbewegungen ihr höchstes Maß an Anpassung, ist Lernen eine relativ einfache Aufgabe und richtiges Verhalten ein ganz normaler Zustand."
(A. Jean Ayres)

Brit





Status: Offline
Registriert seit: 30.01.2005
Beiträge: 19
Nachricht senden Erstellt am 30.03.2005 - 22:13

--------------------------------------------------------------------------------


Hej, wir waren ja auch beim Doc. Koch! Und meine Große war gestern zur HNO zur PD-Kontrolle: Beide Paukenröhrchen raus, beide Trommelfelle super glänzend, und das nach nicht enden wollender OP-Story. Wenn man bedenkt, was diese zeitweisen Tubenbelüftungs- und dadurch bedingten Hörstörungen für ihre Entwicklung, speziell auch die Sprach- und Sprechentwicklung bedeuteten und wie effektiv ihr damit früher hätte geholfen werden können... Naja, jedenfalls kann sie jetzt "hörtechnisch" der Schule bestens folgen! LG Brit





Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"Deine Kinder sind nicht deine Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Du kannst ihnen deine Liebe geben, nicht aber deine Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken." Khalil Gibral

DorisCarnap
Moderatorin

Schullaufbahnberaterin





Status: Offline
Registriert seit: 11.12.2004
Beiträge: 196
Nachricht senden Erstellt am 03.04.2005 - 11:36

--------------------------------------------------------------------------------


Liebe Brit,

ich zweifle ganz und gar nicht daran, was HWS Blockaden bewirken können. Ich hatte doch von der Beobachtung der Feldenkraispädagogin berichtet, was nach Schulbeginn mit Kindern geschieht. Auch mein Sohn bekam nach nur einer Feldenkraisstunde eine bessere Schrift. Für einen Legastheniker bedeutet das Lesen und Schreiben lernen große Anstrengung, wenn dann das Unverständnis des Lehrers dazukommt, verursacht das großen Stress und daraus entstehen Verspannungen, die zu Blockaden führen können. Auch zweifle ich nicht grundsätzlich am KISS Syndrom der Neugeborenen. Aber ich bin doch kritisch, wenn man per Ferndiagnose bei Kindern und Jugendlichen im Nachhinein ein KISS- Syndrom feststellen will. Bei meinen Kindern habe ich die Beobachtung gemacht, dass sie in einem anderen Schulsystem die Probleme nicht hatten, die sie in Deutschland entwickelt haben. Deswegen erscheint es mir so wichtig, nicht nur eine eventuelle Veranlagung dafür verantwortlich zu machen, sondern als Verursacher die Art des Unterrichtens zu sehen und zu benennen. Unterricht der Stress verursacht, sorgt für Verspannungen und die Folgen der Verspannungen hast du ausführlich beschrieben. Deswegen muss alles nur mögliche in die Wege geleitet werden, um daran etwas zu ändern.

Und hier mal wieder Finnland als Beispiel, das laut Spiegel eine Art Schlechte- Schüler - Feuerwehr hat www.spiegel.de/unispiegel/studium/0....347648,00.html:?"Die Lernphilosophie hier ist eine andere", sagt Ikonen. "Wenn ein Schüler etwas nicht schafft, dann wird es nicht auf ihn geschoben." Stattdessen ist dann der Lehrer an der Reihe: Er kann die Gruppe verkleinern. Er muss den Unterricht interessanter machen. Er soll anderes Material verwenden. Nur eins darf er nicht - dem Lernenden die Schuld geben...Die staatlich organisierte Nachhilfe für Schüler mit Schwierigkeiten hat in Finnland drei Stufen. Auf der ersten kümmert sich der Klassenlehrer intensiver um die Nachzügler, meist innerhalb der Klasse. Die zweite Stufe greift bei Schülern, die - so das Gesetz - zeitweise ein "Bedürfnis zu sonderpädagogischem Lernen" haben. Sie erhalten dann Spezialunterricht außerhalb der Klasse, entweder einzeln oder in einer kleinen Gruppe. Meist ist ein Sonderpädagoge dabei. Ein Fünftel der finnischen Schüler kommt in den Genuss dieser Förderung, die vorwiegend in den für den Start ins Schulleben wichtigen ersten beiden Jahrgängen stattfindet. Die dritte Stufe der Schülerfeuerwehr heißt: Der Schüler bekommt dauerhaft sonderpädagogische Betreuung, Lehrer und Lernpsychologen entwerfen einen individuellen Lehrplan. Aber: Auch solche Schüler bleiben prinzipiell in ihrer Klasse. Der Sonderunterricht findet parallel statt, gehalten von einem Speziallehrer. Zu diesen Spezialisten zählt Maria Klaavu. Sie entwickelt das finnische System bereits weiter und integriert lern- und körperlich behinderte Schüler in normale Schulklassen. Eine Lernform, die es in den meisten Ländern nur als Modellversuch gibt. In Finnland ist das Alltag, die Schuldoktrin: Das gleiche Recht auf Bildung bedeutet, jedem Schüler die für seine Situation besten Ressourcen und Lehrer zur Verfügung zu stellen. "Keiner darf zurückbleiben!", so lautet der gesellschaftlich anerkannte Slogan dazu.

Maria Klaavu ist Sonderpädagogin an der Ahvenisjärvi-Schule in Tampere. Ihre Art der Unterrichtsorganisation ähnelt mehr der einer Managerin von moderner Gruppenarbeit. Jeden Tag stellt sie ihre Schützlinge neu zusammen: Nach fachlicher Kompetenz, nach sozialen Fähigkeiten - und nach Temperament. Je nachdem, welches Problem gerade zu lösen ist. Ausgehend von einer "Muttergruppe", der so genannten Familie, wechseln die Lerngruppen immer wieder.

Allerdings will Maria Klaavu nicht das finnische Sozialprodukt steigern. Ihr Arbeitsethos ist nicht von Effizienz bestimmt, sondern von Fürsorge. Alle Aufmerksamkeit gehört Schülern mit Lernschwierigkeiten wie Mia, 8.

Als Mia in die erste Klasse kam, konnte sie gerade mal ihren Namen sagen. Sie konnte nicht richtig sprechen, während viele andere der siebenjährigen ABC-Schützen schon schreiben können. Mia musste zunächst in kleinen Gruppen lernen. In Finnisch in einer anderen als in Mathe, oft mit wechselnden Mitschülerinnen. "Inzwischen ist Mia so weit, dass sie in einer größeren Gruppe arbeiten kann", erzählt ihre Lehrerin.

In Deutschland wäre Mia der Anschluss an ihre Klasse wohl nicht gelungen. Einen Spezialunterricht bekommen auch deutsche Schüler mit Behinderungen oder Lernschwierigkeiten - aber in Sonderschulen, aus denen sie meist nicht wieder herauskommen. Kein Wunder, dass Deutschlands schlechte Schüler bei Pisa 20 Prozent unter dem OECD-Schnitt lagen. Die Finnen dagegen waren in dieser Gruppe um 80 Prozent über dem Durchschnitt.? Soweit das Zitat aus dem Spiegelartikel.

Und das Interessante an diesem integrierten System ist, dass es wesentlich weniger kostet. Bei uns kosten die Sonderschulen, neuerdings Förderschulen genannt das Dreifache von dem der ?normalen? Grundschulen und führen meist zu keinem anerkannten Abschluss. Mit unseren Steuergeldern finanzieren wir ein uneffektives sehr teures Schulsystem. Und zusätzlich sind Eltern für die Förderung der Kinder zuständig, außerdem muss viel Geld für Nachhilfe ausgegeben werden. Das ist es was ich kritisiere und deswegen will ich da auch genau unterscheiden wo die Ursachen für die Probleme liegen.

Natürlich bleibt den Eltern nichts anderes übrig als ihre Kinder nach ihren Möglichkeiten zu fördern und zu helfen, solange das System so ist. Klar aber auch, dass die Kinder aus sozial schwächeren Verhältnissen da im Nachteil sind. Wir sehen doch was anderen Ländern besser gelingt und eine solche Verbesserung sollte doch auch in Deutschland möglich sein.

Auch meine Kinder habe ich unterstützt, du brauchst dir da keine Sorgen zu machen. Meine Kinder sind intelligent, gesund und topfit und mit ihren Leistungen in der Schule bin ich zufrieden. Mit den Leistungen einiger ihrer Lehrer aber nicht. Und weil meine Kinder unter schlechtem Unterricht leiden, unter manchen Lehrern besonders und deren dummen, herablassenden Sprüchen, liegt mir daran, dass so etwas in Zukunft nicht weiter möglich sein wird. Ich möchte ein Bewußtsein dafür schaffen, dass die Kinder und Jugendlichen unter einem derartigen unprofessionellen Verhalten leiden und wir Eltern die Kosten zusätzlich tragen müssen.

Grüße

Doris






Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler." Ralph Waldo Emerson

DorisCarnap
Moderatorin

Schullaufbahnberaterin





Status: Offline
Registriert seit: 11.12.2004
Beiträge: 196
Nachricht senden Erstellt am 03.04.2005 - 11:42

--------------------------------------------------------------------------------


Liebe Erika,

schreibe doch mal kurz wie die HIO - Technik funktioniert, davon hatte ich bis jetzt noch nichts gehört und im Internet kann ich keine Beschreibung finden.

Grüße

Doris





Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler." Ralph Waldo Emerson

Brit





Status: Offline
Registriert seit: 30.01.2005
Beiträge: 19
Nachricht senden Erstellt am 03.04.2005 - 14:15

--------------------------------------------------------------------------------


Liebe Doris, hoffe, es stört nicht, dass ich an Erikas Stelle antworte, meine Kinder wurden ja genauso behandelt. Hab das mal kurz aus www.kiss-kid.de rausgezogen (unter Behandlung steht noch mehr). Leider weiß ich nicht, wie man hier das Zitieren hinkriegt:

< Wie wird behandelt

Manuelle Therapie der oberen Halswirbelsäule

Ich weise ganz deutlich daraufhin, dass es sich nicht um das landläufig bekannte "Einrenken" handelt, sondern um eine sogenannte sanfte Impulstechnik.
Hierzu können verschiedene Impuls-Techniken angewendet werden je nach Ausbildung des Arztes.

Eine Therapiemöglichkeit ist die Atlastherapie nach Arlen,
eine andere die Therapietechnik nach Dr. Gutmann/ Biedermann.
Die Techniken variieren und leider auch die Ergebnisse je nach dem, welcher Befund vorliegt.

1. Die Atlastherapie nach Arlen bezieht nur den Atlas ein und wirkt auch nur in eine Behandlungsrichtung. Sie wird oft mehrmals angewendet.

2. Die durch Dr. Biedermann modifizierte Behandlung nach Dr. Gutmann (HIO-Technik) bezieht die oberen Kopfgelenke Atlas C1, Axis C2 bis hin zu C3 ein und der Impuls kann in zwei Ebenen gesetzt werden. Somit können alle Abweichungen erreicht werden.

Zur Technik: Seitlich an den Kopfgelenken wird mit einem ganz geringen Impulsdruck gearbeitet.

Es werden verschiedene auf den Körper wirkende Reflexe ausgelöst und/oder Blockierungen oder Asymmetrien des Gelenkes beseitigt.

So wird die Spannung der gesamten Körpermuskulatur gesenkt, die Koordination verbessert sich, ebenfalls die Feinmotorik (Geschicklichkeit) bis hin zur Verbesserung vegetativer Funktionen, wie Herz-Kreislauf- und Atemfunktion. (nach Arlen)

Nach manueller Untersuchung, und Analyse der Stellung der oberen Halswirbel im Röntgenbild werden mehrere exakt definierte, extrem kurzdauernde Impulse in das Nackenrezeptorenfeld (zumeist über den Querfortsatz des 1.Halswirbel-Atlas) gesetzt. (Dr. Biedermann)>


So, das war der Auszug!
Ich zweifele nicht daran, dass du viel für deine Kinder getan hast und verstehe mich BITTTTE um Himmels Willen auch nicht falsch, es sollte auch keine Ferndiagnose per Netz sein! Ich selbst bin nur so froh darüber, dass ich diesen Hinweis mal bekam und mich selbst auch gezielt kundig machen konnte und für meine Ronja Hilfe fand. Obwohl ich bei ihr nie in die Richtung gedacht hätte (malt gern, hb., begann allein zu lesen und zu schreiben, nur eben seeehr wild), nur zur Kontrolle nahm ich sie mit zum Doc. Übrigens nochmal den Link auf die Arbeit von Dr. Koch auf www.kiss-kid.de zu finden unter Druckversionen und "Dr. Koch über Schulschwierigkeiten" bzw. auf seiner HP www.kisskinder.de
Auch hast du zweifelsohne völlig Recht, will ich auch nicht im geringsten verharmlosen, dass in unsrem Schulsystem einfach solche Kinder häufig nicht klarkommen, auch Mobbing unterliegen, zum Teil versagen uvm., und in einigen anderen Ländern ist das wirklich anders. Und es spielen auch immer mehr Faktoren eine Rolle, logisch!
Nur, grad darum ist es so wichtig, die Kinder so unbeeinträchtigt wie möglich in die "graue Wirklichkeit" zu schmeißen, denn wir können sie als Eltern zwar unterstützen und sonstwie fit machen- hingehen und klarkommen müssen sie dort schon allein. Und ich bin froh, meine Kinder jetzt "freigeschaltet" zu haben. Was natürlich nicht heißt, dass sie jetzt keine Probleme mehr haben werden.... Und dass sie DOCH auf jeden Fall ein gutes Schulsystem brauche. Und wahrscheinlich, zumindest die Große, da spät behandelt, auch Folgetherapien. Die DANN erst richtig effektiv greifen können. Wir haben uns für INPP entschieden (danke Erika für die vielen Infos zum Thema), weil ich das mittlerweile für das beste, Effektivste und Systematischste halte. Aber- wie gesagt, auch mit meinem heutigen Wissen würde ich meine Kinder immer auf Blockaden untersuchen lassen undggf. behandeln.
Ja, weiß nicht, ob das da so rübergekommen ist, die Behandlung an sich dauert so max. 3 sec. Alles Gute! LG Brit





Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"Deine Kinder sind nicht deine Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Du kannst ihnen deine Liebe geben, nicht aber deine Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken." Khalil Gibral

Erika
Stammposter




Status: Offline
Registriert seit: 16.12.2004
Beiträge: 256
Nachricht senden Erstellt am 04.04.2005 - 23:21

--------------------------------------------------------------------------------


Hallo Brit, hallo Doris,

vielen Dank Brit, dass du die Hiotechnik schon so gut beschrieben hast.

Doris, ich weiß, dass du nicht von den Auswirkungen durch Kiss zu überzeugen bist und auch überhaupt von Entwicklungsstörungen -auch ohne Kiss- wie so viele hier nichts wissen willst. Es sind auch nur Hinweise von mir. Wer sich überzeugen lassen möchte, der tue es, wer eben nicht, der nicht.

Mein Sohn hat seine HWS-Blockade ganz eindeutig nicht durch Verspannungen und Stress in der Schule bekommen, sondern bereits als Säugling deutliche Auffälligkeiten gezeigt, die mir und auch den Kinderärzten damals nicht aufgefallen sind, weil wir keine Ahnung hatten. Ich bin stinksauer auf die Kinderärzte, die sich gerne auf ihrer konservativen medizinischen Ausbildung ausruhen. Es gibt allerdings auch andere aufgeschlossene Kinderärzte.

Viele Betroffene scheint das Wort "Entwicklungsstörungen" abzuschrecken. Dabei geht es um eine Störung, an der man etwas ändern kann. Ebenso scheinen viele das Wort "Therapie" oder "Behandlung" abzulehnen. Keiner will ein Kind haben, das gestört ist und therapiert werden muss. Viele halten diese sinnvollen Förderungsmöglichkeiten für Geldmacherei und Therapien und Behandlungen für eine große Belastung für die Kinder.

Warum ist dagegen Nachhilfe, Legasthenietraining usw. keine Gelmacherei? Warum halten viele eine Förderung, die an den Symptomen ansetzt, mit viel mehr Anstrengung, Üben und Belastung für die Kinder verbunden ist für völlig ok? Das kann ich einfach nicht nachvollziehen!!!

Trotzdem und gerade deswegen bin ich auch der Meinung, dass sich in den Schulen einiges ändern muss. Jedoch sind Lehrer und der Unterricht nicht alleinverantwortlich dafür, dass immer mehr Kinder Lernprobleme haben.

Förderung muss bereits im Säuglingsalter beginnen, damit es überhaupt erst gar nicht oder weniger zu Lernstörungen kommt.

Schulen könnten sehr viel dazu beitragen, Kinder mit Lern- und/oder Verhaltensproblemen zu unterstützen. Zurzeit ist es leider eher so, dass sich diese Probleme häufig potenzieren. Da besteht dringend Handlungsbedarf.

Soviel ich von Finnland weiß, erhalten viele Schulkinder dort durch Speziallehrer auch individuelle neurophysiologische Förderung. Sie erhalten erst einmal sozusagen die Grundausstattung, die jedes Kind braucht, um leicht lernen zu können, also Förderung, die an den Ursachen ansetzt.

Es dürfte hier keineswegs so bleiben, dass Eltern für entsprechende Förderungen zur Kasse gebeten werden und die Kinder aus sogenannten bildungsferneren Elternhäusern, die sich keine Förderung leisten können, kläglich versagen.

Ich bin gespannt, wann unsere Gesundheits- und Bildungsministerien endlich aufwachen und einsehen, dass die Sparmassnahmen auf Kosten unserer Kinder eine Milchmädchenrechnung sind. Die Folgekosten bei weiterem Geldhahnzudrehen könnten durchaus höher sein.

Gruß Erika






Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"In dem Moment, wo die Hirnfunktionen vollständig und abgewogen ablaufen, erreichen die Körperbewegungen ihr höchstes Maß an Anpassung, ist Lernen eine relativ einfache Aufgabe und richtiges Verhalten ein ganz normaler Zustand."
(A. Jean Ayres)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Beitragsrekonstruktion



Anmeldedatum: 21.01.2006
Beiträge: 255

BeitragVerfasst am: 24.01.2006, 23:36    Titel: Kopie 3 Antworten mit Zitat

Stammposter




Status: Offline
Registriert seit: 16.12.2004
Beiträge: 256
Nachricht senden Erstellt am 30.04.2005 - 23:21

--------------------------------------------------------------------------------


Hallo,

nix los hier im Forum zur Zeit. Wo seid Ihr denn alle? Gibt es nichts mehr zu berichten?

Ich hatte erwähnt, dass mein Sohn einen "Kiss-Rückfall" hatte. Jetzt geht es wieder aufwärts, juhu! Wer Näheres wissen möchte schaue hier:

f3.webmart.de/f.cfm?id=957009&d=180&r=threadview&a=1&t=2455691

Ein schönes sonniges Wochenende wünscht euch allen
Erika





Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"In dem Moment, wo die Hirnfunktionen vollständig und abgewogen ablaufen, erreichen die Körperbewegungen ihr höchstes Maß an Anpassung, ist Lernen eine relativ einfache Aufgabe und richtiges Verhalten ein ganz normaler Zustand."
(A. Jean Ayres)

DorisCarnap
Moderatorin

Schullaufbahnberaterin





Status: Offline
Registriert seit: 11.12.2004
Beiträge: 196
Nachricht senden Erstellt am 23.05.2005 - 19:13

--------------------------------------------------------------------------------


Hallo an Alle,

der hessische Bildungs- und Erziehungsplan ist online zu lesen: www.hessisches-kultusministerium.de....Bildung_von_Anfang_an.pdf

"Kinder früher, nachhaltiger, individueller und intensiver zu fördern, ist das grundlegende Ziel des hessischen Bildungs- und Erziehungsplans für Kinder von 0 bis 10 Jahren, ... Erstmals in Deutschland entwickelt das Land Hessen gemeinsam mit Bayern ein umfassendes Bildungskonzept, das sich nicht auf einen Altersabschnitt beschränkt, sondern die gesamte kindliche Entwicklung zwischen dem ersten und dem zehnten Lebensjahr berücksichtigt.

Der beigefügte Fragebogen zur Anhörung bietet Gelegenheit zur Rückmeldung bis zum 15.06.2005.Der Bildungs- und Erziehungsplan wird im Kindergarten-/ Schuljahr 2005/06 an 30 Standorten in 60 Modellein-richtungen erprobt." www.hessisches-kultusministerium.de....rung_Fragebogen_2005.pdf.

Was haltet ihr davon?

Doris

[Dieser Beitrag wurde am 23.05.2005 - 23:18 von DorisCarnap aktualisiert]





Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler." Ralph Waldo Emerson

Erika
Stammposter




Status: Offline
Registriert seit: 16.12.2004
Beiträge: 256
Nachricht senden Erstellt am 23.05.2005 - 20:48

--------------------------------------------------------------------------------


Hallo Doris,

bei dem 1. Link kann die Seite nicht angezeigt werden, jedenfalls bei mir nicht!

Viele Grüße
Erika





Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"In dem Moment, wo die Hirnfunktionen vollständig und abgewogen ablaufen, erreichen die Körperbewegungen ihr höchstes Maß an Anpassung, ist Lernen eine relativ einfache Aufgabe und richtiges Verhalten ein ganz normaler Zustand."
(A. Jean Ayres)

DorisCarnap
Moderatorin

Schullaufbahnberaterin





Status: Offline
Registriert seit: 11.12.2004
Beiträge: 196
Nachricht senden Erstellt am 23.05.2005 - 23:12

--------------------------------------------------------------------------------


Hallo Erika,

danke für den Hinweis. Ich habe den Link korrigiert, jetzt funktioniert er.

Doris





Signatur
--------------------------------------------------------------------------------
"Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler." Ralph Waldo Emerson
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Elterninitiative gegen Mobbing und Gewalt an Schulen (EMGS) e.V. Foren-Übersicht -> Allgemeine Diskussionen über Schulprobleme Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde
Seite 1 von 1

 
Gehe zu:  
Sie können keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Sie können auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Sie können Ihre Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Sie können Ihre Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Sie können an Umfragen in diesem Forum nicht teilnehmen.


Powered by phpBB © 2001, 2005 phpBB Group
Deutsche Übersetzung von phpBB.de