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Vorsicht: Zensuren schaden dem Kind!

 
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Petra Litzenburger



Anmeldedatum: 20.01.2006
Beiträge: 669
Bundesland: Saarland

BeitragVerfasst am: 22.07.2006, 13:57    Titel: Vorsicht: Zensuren schaden dem Kind! Antworten mit Zitat

Vorsicht: Zensuren schaden dem Kind!

Autoren einer heute veröffentlichten Studie sprechen sich für Warnhinweise auf Zeugnissen aus und fordern künftig differenziertere Bewertungen
VON RÜDIGER-PHILIPP RACKWITZ


Es ist die Zeit der Tränen, und es ist die Zeit der von Großeltern zugesteckten Zehn-Euro-Scheinchen: Bald bekommen rund zehn Millionen Schüler und Schülerinnen in Deutschland ihre Jahreszeugnisse. Die Zensuren darin bestimmen zum einen, ob jemand sitzen bleibt. Zum anderen entscheiden sie bei zahlreichen Viertklässlern über die weitere Schullaufbahn. Und rund eine Million Schulabsolventen werden sich mit ihren Zeugnissen auf die Suche nach einem Ausbildungs- oder Studienplatz machen.


Angesichts dieser großen Einflüsse von Zensuren auf die Zukunft eines Kindes ist eine heute vom Grundschulverband veröffentlichte Studie alarmierend: Der Untersuchung zufolge sind Schulnoten weder objektiv noch gerecht. Darüber hinaus benachteiligen sie sozial schwache Schüler und stehen vor allem in der Grundschule einer positiven Entwicklung der Schüler im Wege.

Daher schlägt die Arbeitsgruppe Primarstufe der Universität Siegen, die die Studie verfasst hat, süffisant vor, Zeugnisse zukünftig mit folgendem Hinweis zu versehen: "Die Kultusminister warnen: Noten können die Entwicklung Ihres Kindes gefährden". "Durch den Vergleich mit anderen würden die Zensuren schwächere Schüler entmutigen, statt ihre Fortschritte zu honorieren und sie zu weiteren Anstrengungen anzuspornen", sagt der Leiter der Studie, Hans Brügelmann.

Im Detail versucht die Studie Wissenschaftlichkeit in einen lang andauernden ideologischen Grabenkampf über die Abschaffung von Zensuren zu bringen. "Noten sind nicht objektiv, sie sind nicht vergleichbar und zu pauschal", sagt Brügelmann. Laut seiner Studie beeinflussen "unterschiedliche Maßstäbe" der LehrerInnen ihr Urteil.

Das heißt: Was in der einen Klasse eine eins ist, kann in einer anderen gerade mal eine drei sein, denn LehrerInnen bewerten nach unterschiedlichen Kriterien und sie legen unterschiedliche Maßstäbe an. Zudem beeinflussen aber auch völlig leistungsunabhängige Aspekte wie "Sprachstil oder Sozialverhalten des Schülers" und "persönliche Sympathien" das Urteil der Lehrperson, so die Studie. Nachgewiesen seien zudem "systematische Verzerrungen durch Gruppenmerkmale wie Geschlecht, soziale Herkunft und ethnische Zugehörigkeit".

Noten sagen deshalb nichts über die individuelle Leistungsentwicklung, über die Stärken und Schwächen und über das Leistungspotenzial des einzelnen Schülers aus. Und es gelingt ihnen nur schwer, zukünftiges Leistungsvermögen, zukünftige Schulleistungen und somit die zukünftig "passende" Schulform treffend vorherzusagen.

Denn mit den Pisa-Daten lässt sich nachweisen, dass die stärksten 10 Prozent der HauptschülerInnen im Gymnasium zum mittleren Leistungsbereich gehören würden. Umgekehrt zeigen die Daten aber auch: Jugendliche, die im Verlauf ihrer Schulzeit von einer höheren auf eine niedrigere Schulform wechseln mussten, hatten zum Großteil Grundschulempfehlungen für jene Schulform erhalten, an der sie letztendlich scheiterten. Dabei ist bei gleichen Leistungen am Ende der Grundschulzeit die Wahrscheinlichkeit, eine Gymnasialempfehlung zu erhalten, umso größer, je höher der soziale Status der Eltern ist.

Das Fazit der Siegener Forschergruppe ist daher: "Es gibt kein Verfahren, Leistungen zu erheben, das valide, objektiv und verlässlich genug wäre, um Einzelfallentscheidungen über Bildungskarrieren zu rechtfertigen. Lehrerurteile sind fehleranfällig, methodische Verbesserungen nur begrenzt möglich."

Dies bedeutet aber auch, dass Ziffernoten neben der nur unzureichend und ungerecht erfüllten Selektionsfunktion das Recht des einzelnen Kindes auf Chancengleichheit, Förderung und bestmögliche Bildung verletzen. Gleichzeitig gehören Noten zu den stärksten Auslösern von Schulangst und Schulstress: Die Lernfreude vom Kindergarten zur Grundschule steige an, so die Siegener Forscher. Schon über die vier Grundschuljahre fällt sie dann aber kontinuierlich ab, während gleichzeitig die Versagensangst steigt.

Die von Notenverfechtern immer wieder ins Feld geführte Behauptung, Ziffernoten seien ein unverzichtbarer Lernanreiz und Leistungsmotivator, wird dagegen durch Befunde aus Ländern widerlegt, deren Schulsysteme in internationalen Vergleichsstudien besser abschneiden als das deutsche. Dort werden Noten erst in höheren Klassen erteilt, und die SchülerInnen sind insgesamt erfolgreicher, wie etwa in Schweden, Finnland oder auch im deutschsprachigen Südtirol. Dort besuchen alle SchülerInnen bis zur 8. Klasse eine gemeinsame Schule, bekommen bis dahin keine Noten, und bis zum Abitur wird auf eine vergleichende Notengebung verzichtet. Sitzen bleiben gibt es nicht (siehe Kasten), dafür aber Bewertungsbögen, die dazu dienen, den einzelnen Schüler mit sich selbst zu vergleichen und dessen Lernfortschritte und Leistungsbereitschaft individuell zu beurteilen. Dabei kann ein "sehr gut" bei dem einen etwas völlig anderes bedeuten als bei einem anderen.

Offensichtlich kommen die Südtiroler SchülerInnen mit diesem Bewertungssystem gut zurecht, denn ihre Lern- und Leistungsmotivation scheint es nicht zu mindern: Bei Pisa 2003 stand Südtirol im Lesen ganz oben auf dem Siegertreppchen, belegte in Mathematik den fünften Platz und schlug den deutschen "Spitzenreiter" Bayern um Längen.

Als Alternative zu Ziffernoten werden in der pädagogischen Fachliteratur Verbalbeurteilungen vorgeschlagen, wie sie in der Regel in den beiden ersten Klassen in der Grundschule üblich sind. Doch auch sie, so das Ergebnis der Siegener Forscher, leiden vielfach unter den gleichen Nachteilen wie Ziffernoten: Auch sie sind wenig objektiv und legen unterschiedliche Maßstäbe an. Immerhin erlauben die Verbalbeurteilungen, die Leistungen und deren Entwicklung detailliert zu beschreiben, individuelle Stärken hervorzuheben und auf Schwächen aufmerksam zu machen - theoretisch. Denn bisher fehle es den LehrerInnen oftmals an geeigneten Kompetenzen, um verschiedene Leistungen und deren Entwicklung zu erfassen, so die Studie. Deshalb stammen in der Praxis die hübschen Formulierungen oftmals nicht aus des Lehrers Feder, sondern wurden mit wenigen Mausklicks dank spezieller Zeugnissoftware generiert. Die Zifferzensuren werden auf diese Weise einfach in Textbausteine "übersetzt".

Als Konsequenz ihrer Ergebnisse empfiehlt die Siegener Forschergruppe, Ziffernoten durch differenzierte Formen der Dokumentation und Bewertung von Leistungen zu ersetzen. "Beurteilungen müssten den SchülerInnen helfen, ihren eigenen Lernstand besser einzuschätzen, und sie müssten ihnen gezielte Anregungen für die weitere Arbeit geben", erklärt Axel Backhaus, Mitglied der Arbeitsgruppe.

Dabei sollten die SchülerInnen durch Selbsteinschätzungen und gemeinsame Zielvereinbarungen bei der Bewertung einbezogen werden. Dazu gebe es bereits "ermutigende Erfahrungen", erläutert Brügelmann.

taz vom 14.6.2006, S. 19, 232 Z. (TAZ-Bericht), RÜDIGER-PHILIPP RACKWITZ

Quelle: http://www.taz.de/pt/2006/06/14/a0236.1/text
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Doris Carnap
Moderatorin


Anmeldedatum: 18.01.2006
Beiträge: 803
Bundesland: Hessen

BeitragVerfasst am: 23.07.2006, 09:59    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

Interessant ist das Beispiel Südtirol, dort ist der Siegener Professor Hans Brügelmann seit 1993 aktiv an einer Veränderung des Schulsystems beteiligt.

Zitat:
TAZ v. 14.6.2006: Die von Notenverfechtern immer wieder ins Feld geführte Behauptung, Ziffernoten seien ein unverzichtbarer Lernanreiz und Leistungsmotivator, wird dagegen durch Befunde aus Ländern widerlegt, deren Schulsysteme in internationalen Vergleichsstudien besser abschneiden als das deutsche. Dort werden Noten erst in höheren Klassen erteilt, und die SchülerInnen sind insgesamt erfolgreicher, wie etwa in Schweden, Finnland oder auch im deutschsprachigen Südtirol. Dort besuchen alle SchülerInnen bis zur 8. Klasse eine gemeinsame Schule, bekommen bis dahin keine Noten, und bis zum Abitur wird auf eine vergleichende Notengebung verzichtet. Sitzen bleiben gibt es nicht (siehe Kasten), dafür aber Bewertungsbögen, die dazu dienen, den einzelnen Schüler mit sich selbst zu vergleichen und dessen Lernfortschritte und Leistungsbereitschaft individuell zu beurteilen. Dabei kann ein "sehr gut" bei dem einen etwas völlig anderes bedeuten als bei einem anderen.

Offensichtlich kommen die Südtiroler SchülerInnen mit diesem Bewertungssystem gut zurecht, denn ihre Lern- und Leistungsmotivation scheint es nicht zu mindern: Bei Pisa 2003 stand Südtirol im Lesen ganz oben auf dem Siegertreppchen, belegte in Mathematik den fünften Platz und schlug den deutschen "Spitzenreiter" Bayern um Längen.

Aus einer Preesemitteilung der der Uni Siegen

Zitat:
Didaktiker der Universität Siegen an erfolgreichem Unterricht beteiligt
Die leistungsstärksten SchülerInnen im deutschsprachigen Raum kommen weder aus Österreich oder aus der Schweiz noch aus Bayern oder Baden-Württemberg. Nach PISA 2003 schneiden die 15-Jährigen aus dem italienischen Südtirol besser ab als alle anderen deutsch sprechenden Regionen. In Mathematik finden sie sich in einer Gruppe mit den Spitzenländern Südkorea, Finnland und Niederlande und in den Naturwissenschaften liegen sie mit Japan und Südkorea nur knapp hinter Finnland. Noch beindruckender sind die Ergebnisse im Lesen: Hier kommen sie sogar auf einen Punkt mehr als der PISA-Spitzenreiter Finnland und liegen damit umgerechnet ein Schuljahr über dem bundesdeutschen Durchschnitt.

Über die Ursachen kann man heftig spekulieren. Manche sehen im Gesamtschulsystem den wesentlichen Unterschied, da doch die anderen deutschsprachigen Länder die SchülerInnen meist wesentlich früher in verschiedene Schularten aufgliedern. Aber im innerdeutschen wie auch internationalen Vergleich lässt sich die Schulstruktur nicht als entscheidender Faktor ausmachen.

Liegt es am integrativen Unterricht, der auch behinderte Kinder einschließt? Dann müsste Italien insgesamt besonders gut abgeschnitten haben. Aber im Durchschnitt liegen die Leistungen der italienischen 15-Jährigen ein Schuljahr hinter ihren deutschen AltersgenossInnen und rund zwei Jahre hinter denen in Südtirol.

Macht die Zweisprachigkeit der Südtiroler Kinder diese sprachlich besonders fit? Auch daran allein kann es wohl nicht liegen, wie die schlechteren Ergebnisse in der Schweiz und vor allem in Luxemburg zeigen. Hat Südtirol eine andere Schultradition, ist die sozio-ökonomische Situation besser als in anderen Regionen ? oder macht doch der Unterricht den entscheidenden Unterschied aus?

In der Tat stellt die pädagogische Konzeption eine Besonderheit dar, wie Rudolf Meraner, Direktor des Pädagogischen Instituts in Bozen, und der Südtiroler Schulamtsleiter Peter Höllrigl in einer ersten Stellungnahme schreiben: ?Südtirols Schulen bieten förderliche Rahmenbedingungen für individuelles, eigenverantwortliches Lernen. Die Neigungen und Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler werden berücksichtigt, Talente gefördert und gestärkt.? Durch eine systematische Fort- und Weiterbildung sei eine neue Lernkultur in den Schulen entwickelt worden. ?Besonders eindrucksvoll lässt sich im Bereich der Leseförderung zeigen, mit welchen Maßnahmen die Südtiroler Schule es geschafft hat, vom Mittelmaß (Lesestudie 1993) zu einem Spitzenplatz (PISA 2003) vorzustoßen.? http://www.schule.suedtirol.it/blik....mitteilung-Uni-Siegen.pdf


Prof. Dr. Georg Lind, Konstanz dazu:
Zitat:
Mit scheint, dass die sehr guten PISA-Ergebnisse der deutschen Schüler in Südtirol in gewissem Sinn auch die Ernte der Saat von Prof. Brügelmann & Co.anzeigen, da dort seit 1993 ein einmaliges Experiment betreiben. Ursache und Wirkung treten hier klar zutage.

Brügelmann und seine Kollegen bilden seit 1993 jährlich (zum Teil mehrfach im Jahr) Lehrer und Multipliktoren der deutschen Schulen in Südtirol im Bereich Lesetraining in Grundschulen fort, wobei sie auf die revolutionäre Methode des Lesen lernens durch Schreiben setzen, also gerade auf nicht die alten entwicklungspsychologischen Trampelpfade vom (angeblich) Einfachen zum (angeblich) Komplexen begehen. Man stellte sich ja die Entwicklung des Kindes lange Zeit so vor, wie die Laufbahn eines Beamten: vom passiven Zuhörer und Aufpasser (Imitation) hin zum autonomen Lerner. So sind auch die meisten unser Schulleistungstests konstruiert. Entwicklung ist aber komplizierter. Verschiedene Komplexitätsebenen können (und müssen sogar) sich parallel entwickeln, sonst verläuft sie schlecht.

Wissenschaftlich interessant ist dieses Experiment besonders dadurch, dass es über Jahre läuft und wirklich für die Leistungen der heute 15-Jährigen verantwortlich gemacht werden kann, und dass eine echte "Kontrollgruppe" vorhanden ist, nämlich die Schüler der italienischen Schulen in Südtirol, bei denen wegen sprachlichen und politischen Barrieren kaum ein Transfer stattgefunden hat. Solche Transfers erschweren oft kontrollierte Feldexperimente, da sich ein Anfangserfolg schnell herumspricht und sogenannte Kontrollgruppe kaum davon abzuhalten sind, das Treatment selbst auch anzuwenden. Die italienischen Schulen dort haben zudem sonst gleiche Bedingungen, was Ausstattung mit Lehrern und Räumlichkeiten angeht, so dass auch hier weitgehende Vergleichbarkeit gegeben ist. Die italienischen Schüler haben jedoch bei PISA weitgehend schlechte als die deutschen abgeschnitten. (Um keine genetischen Erklärungen aufkommen zu lassen, sei erwähnt, dass in der Schweiz die deutschen Schüler schlechter als die französischen abgeschnitten haben, was von den meisten als Folge der verschiedenen Lehrerausbildung angesehen wird.)

Kurzum: Die PISA-Ergebnisse aus Südtirol sind ein wichtiger Beleg dafür, dass Lesen lernen durch eigene Schreibversuche der Kinder deutlich gefördert werden kann, wie Hans Brügelmann, Erika Brinkmann und ihre Kollegen uns schon lange sagen:

Brügelmann, Hans & Brinkmann, Erika (1994) Stufen des Schriftspracherwerbs und Ansätze zu seiner Förderung. In: Brügelmann, H. & Richter, S. (Hgg.) Wie wir recht schreiben lernen. Lengwil: Libelle, 44-52
http://forum-kritische-paedagogik.de/start/download.php?view.104


Hier in Deutschland wird der Erfolg dieser Leselernmethode angezweifelt, um die Notengebung, wie auch die Gesamtschulen und das Sitzenbleiben wird seit ewigen Zeiten gestritten. Andere Länder haben das Alles seit langem umgesetzt und haben gute Ergebnisse in den Studien und wesentlich weniger ausgebrannte Lehrer.

Doris
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"Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler." Ralph Waldo Emerson
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Silke
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Anmeldedatum: 22.03.2006
Beiträge: 89
Bundesland: Hessen

BeitragVerfasst am: 28.07.2006, 17:59    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

das habe ich gerade bei ZEIT-online entdeckt.

Zitat:

© DIE ZEIT, 13.07.2006 Nr. 29

Misstraut allen Noten!
Jörg Laus Plädoyer für Zensuren in der Schule hat unter Pädagogen eine heftige Debatte ausgelöst. Eine Streitschrift von Hans Brügelmann
Nach Pisa zeigte sich die aufgeklärte Öffentlichkeit einig: Es ist ein Skandal, dass das deutsche Schulsystem ein Viertel seiner Schüler ohne zureichende Basiskompetenzen ins Leben entlässt. Betroffen sind vor allem Kinder aus den unteren sozialen Schichten und aus Migrantenfamilien. Mehr als ein Drittel aller 15-jährigen Schüler/-innen hat im Laufe ihrer Schulzeit die demütigende Erfahrung von Zurückstellung und Sitzenbleiben erlebt. Die Folgen belegt er-neut eine aktuelle Befragung der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uni Köln: Nach der Angst, ihre Eltern zu verlieren, rangiert unter Jugendlichen die Furcht, in der Schule schlechte Leistungen zu erbringen, an zweiter Stelle.
Kinder wollen wissen, wo sie stehen, schreibt Jörg Lau in der ZEIT Nr. 27/06. So weit, so gut. Nur: Sagt eine 3 in Deutsch dem Schüler wirklich, wo er steht? Sie signalisiert ihm doch allenfalls, dass er etwa im Durchschnitt seiner Klasse liegt. Aber zeigt sie, dass er in geübten Diktaten nur wenige, in freien Texten dagegen viele Recht-schreibfehler hat, dass er flüssig vorlesen kann, aber Informationen aus Sachtexten nur ungenügend versteht? In der Note verdunstet die Vielfalt des individuellen Leistungsspektrums, der Rest kommt in eine Schublade.
Und selbst deren Etikett kann täuschen. Gerade lese ich in einer Fallstudie unseres Projekts »Lernbiografien im schulischen und außerschulischen Kontext«, dass die 13-jährige Billy in Mathematik zwischen 3 und 5 steht, nachdem sie bei ihrer letzten Lehrerin jahrelang eine 1 hatte. Weiß Billy dank der Noten tatsächlich, wo sie »wirklich steht«? Und was ist beim Klassenwechsel von Marc? Eben noch bekam er in seiner leistungsstarken Klasse eine 4, da steigt er nach dem Umzug der Familie auf eine 2. Weil er jetzt mehr kann?
In der Expertise Sind Noten nützlich ? und nötig? für den Grundschulverband hat unsere Arbeitsgruppe an der Uni Siegen eine Vielzahl empirischer Studien ausgewertet. Sie zeigen, dass verschiedene Lehrer Leistungen nach ganz unterschiedlichen Kriterien und anhand unterschiedlicher Maßstäbe bewerten. Gibt man dieselben Arbeiten einer größeren Zahl von Lehrern und Lehrerinnen zur Bewertung, streuen die Noten über die ganze Skala von 1 bis 6. Und das nicht nur im Aufsatz, sondern auch in Rechtschreibung und in Mathematik. Für den einen ist der Lösungsweg wichtig, für den anderen zählt nur das richtige Ergebnis. Merkmale der Person wie soziale Herkunft und ethnische Zugehörigkeit, wie Geschlecht und Sprachgewandtheit führen sogar zu systematischen Verzerrungen.
Jörg Lau hat Recht: Verbale Beurteilungen sind nicht objektiver. Aber sie beanspruchen dies auch nicht ? und sie machen die Subjektivität des Lehrerurteils durchsichtig und diskutierbar. Natürlich ist es nicht damit getan, Ziffern durch Wörter zu ersetzen. Die Chance von Berichten liegt aber darin, dass sie können, was mit Noten nicht gelingen kann: konkret beschreiben und damit erkennbar machen, wo genau die Stärken und Schwächen in einem Lernbereich liegen und vor allem, wie die Leistungen sich entwickeln, das heißt, was ein Schüler dazugelernt hat und was seine nächsten Lernaufgaben sind.
Wir haben in mehreren Untersuchungen festgestellt, dass Kinder mit Erfahrungs- und Kompetenzunterschieden von drei bis vier Entwicklungsjahren in die Grundschule kommen. Dieser Abstand bleibt über die Schulzeit hinweg erhalten. »Karawaneneffekt« haben wir diesen im Grunde erfreulichen Tatbestand genannt: Alle Kinder lernen erheblich dazu! Aber wer als Erster ins Rennen gegangen ist, kommt eben häufig auch als Erster im Ziel an. Und da soll man vergleichend bewerten? Leistung ist doch, was der Einzelne aus seinen Möglichkeiten gemacht hat. Der Zuwachs an Können und Wissen ist zu würdigen, wenn wir Leistung anerkennen wollen
Wohlgemerkt: Wir reden nicht über Sportler, die sich bei deutschen Meisterschaften oder bei Olympischen Spielen vergleichen, weil sie sich in ihren ganz besonderen Begabungen und Fähigkeiten aneinander messen wollen ? und dies freiwillig. Wir reden auch nicht von der Ausbildung für einen Beruf, in der es darum geht, Dritte vor den Unzulänglichkeiten eines inkompetenten Handwerkers oder Arztes zu schützen. Wir sprechen über die allgemeinbildenden Schulen, in die die Kinder in einer besonders verletzlichen Phase ihrer Entwicklung gehen müssen.
Statt ein Viertel von ihnen als Versager ab-zustempeln, sollten wir sie für ihr zukünftiges Leben stark machen. Wie aber fühlt sich ein Schüler, der lernt und lernt, dadurch mehr und mehr kann, aber immer nur gesagt bekommt: Die anderen sind »besser« als du? Unsere Gesellschaft kann es sich einfach nicht leisten, alle diejenigen mit Fünfen und Sechsen abzumeiern, die wegen geringerer Begabung oder wegen misslicher Zufälle in ihrer Bildungsbiografie ihre Schullaufbahn mit dem Handicap eines mehrjährigen Rückstands starten.
Eltern und Kinder brauchen und wollen Noten? Warum kommen dann andere Länder, die bei Pisa, Timss und Iglu sogar erfolgreicher waren als Deutschland, über viele Schuljahre ohne Noten aus? Wollen Schüler und ihre Eltern dort etwa nicht wissen, »wie gut sie sind?« Meine Gegenthese: In Deutschland brauchen wir die Verrechenbarkeit von Ziffernnoten, weil wir Kinder ständig aussortieren: Zurückstellung am Schulanfang; Sitzenbleiben; Überweisung in die Sonderschule für »Lernbehinderte«; Aufteilung auf die Schularten der Sekundarstufe. Nur weil die Auslesefunktion der Schule so tief im Denken aller verankert ist, scheint es kaum jemanden zu interessieren, wie sicher Noten die Leistungen der Schüler und ihre voraussichtliche Entwicklung wirklich erfassen. Dabei zeigt nicht nur Pisa, dass sich die Leistungsverteilungen von Gymnasium-, Real- und Hauptschule breit überlappen. Auch Tests erlauben keine verlässlicheren Prognosen. Deshalb wurden zum Beispiel die Schulreifetests schon vor Jahren abgeschafft. Zwar war für Kinder, die als »nicht schulreif« diagnostiziert wurden, das Risiko größer, in der Grundschule Schwierigkeiten zu bekommen, als für »schulreife«. Aber die große Mehrheit von ihnen war erfolgreich, wenn sie trotz des negativen Testurteils eingeschult wurden.
Testwerte und Ziffernnoten täuschen eine diagnostische Scheinpräzision vor, die ihren Kredit weit überziehen. Vor allem bei der Entscheidung über Einzelfälle. Hinzu kommt: Kinder mit vergleichbaren Voraussetzungen entwickeln sich in der Regel besser, wenn sie nicht zurückgestellt, sondern eingeschult werden, wenn sie nicht wiederholen müssen, sondern versetzt werden, wenn sie in der Regelschule bleiben, statt auf die Sonderschule zu gehen, und wenn sie eine höhere Schulform in der Sekundarstufe besuchen dürfen. So werden Noten zur Selffulfilling Prophecy.Nicht nur wegen des Pygmalion-Effekts, also der Steigerung oder Dämpfung der Leistungszuversicht durch externe Rückmeldungen. Auch die äußeren Lernbedingungen haben einen großen Einfluss. Zukünftiger Schul- und Lebenserfolg ist eben nicht aus individuellen Voraussetzungen berechenbar.
Aber auch über die Wirkung der »harten Währung« Noten auf die Begabten und sozial Begünstigten sollte man nachdenken. Dazu gibt es ebenfalls empirische Studien. Ein Lernen aus Interesse an der Sache leidet nicht nur unter der Bestrafung durch schlechte Noten. Es lässt auch nach, wenn Schüler sich als abhängig erleben von externen Belohnungen.
Sicher: Menschen lernen auch, wenn jemand sie mit Zuckerbrot und Peitsche dazu antreibt. Aber solche Antreiber können nicht ein Leben lang neben ihnen stehen. Und sie sollen es auch nicht. Schule ist nicht nur der Ort, an dem Wissen und Können vermittelt werden, sie ist auch der Raum, in dem sich die individuelle Persönlichkeit und soziales Verhalten entwickeln. Nur wenn Selbstständigkeit gefordert und ermöglicht wird, können Kinder lernen, selbstständig zu werden.
Die hierarchische Schule der Kaiserzeit passt nicht mehr in eine demokratische Gesellschaft. Sie ist politisch überholt. Und sie lebte von Annahmen über »Begabung«, über »Leistung« und ihre Erfassung, die sich wissenschaftlich längst nicht mehr halten lassen. In der Fachwelt ist dies seit mehr als 40 Jahren bekannt ? und zwischenzeitlich immer wieder bestätigt worden. Wir brauchen keine technisch perfektionierte Selektion, sondern diagnostisch fundierte Förderhilfen, wie sie der Grundschulverband unter dem Stichwort »Pädagogische Leistungskultur« entwickelt hat (ZEIT Nr. 50/05).
*Hans Brügelmann, 59, Autor des Buches »Schule verstehen und gestalten«, ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Siegen.

Diskutieren Sie weiter unter www.zeit.de/noten-debatte
© DIE ZEIT, 13.07.2006 Nr. 29

Sehr interessanter Artikel oder?

LIebe Grüße

Silke
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Einen Menschen erziehen heißt, ihm zu sich selbst verhelfen (Peter Altenberg)
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