Elterninitiative gegen Mobbing und Gewalt an Schulen (EMGS) e.V. Foren-Übersicht Elterninitiative gegen Mobbing und Gewalt an Schulen (EMGS) e.V.
www.emgs.de
 

Der Verein von Eltern für Eltern

Das Schreiben von Beiträgen ist nur registrierten Usern gestattet

Elterninitiative-Startseite

 FAQFAQ   SuchenSuchen   MitgliederlisteMitgliederliste   BenutzergruppenBenutzergruppen   RegistrierenRegistrieren 
 ProfilProfil   Einloggen, um private Nachrichten zu lesenEinloggen, um private Nachrichten zu lesen   LoginLogin 

Der Weg ist vorgezeichent - Interview mit Wolfgang Schneider

 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Elterninitiative gegen Mobbing und Gewalt an Schulen (EMGS) e.V. Foren-Übersicht -> Allgemeine Diskussionen über Schulprobleme
Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
Autor Nachricht
Doris Carnap
Moderatorin


Anmeldedatum: 18.01.2006
Beiträge: 803
Bundesland: Hessen

BeitragVerfasst am: 20.07.2006, 15:12    Titel: Der Weg ist vorgezeichent - Interview mit Wolfgang Schneider Antworten mit Zitat

Hallo,

ich habe in der Vergangenheit einige Male die LOGIK Studie erwähnt, eine Langzeitstudie, in der 200 Kinder zwanzig Jahre lang beobachtet wurden, wobei jedes Kind bis zu dreimal im Jahr getestet und befragt wurde, aber auch Eltern und Freunde wurden in diese Untersuchung mit einbezogen.

Das Ziel dieser Studie war Antworten auf folgende Fragen zu finden: "Wie wird man zu der Person, die man ist? Wie verläuft die Entwicklung unterschiedlicher Kompetenzen ? seien sie intellektuell oder sozial? Wie früh lassen sich Unterschiede feststellen? Und: Bleiben diese bestehen, oder verändern sich bestimmte Eigenschaften auch noch nach der Pubertät?" http://idw-online.de/pages/de/news165230

In der ZEIT 29/2006 wurde der Leiter der Studie der Würzburger Psychologe Wolfgang Schneider interviewt, der über die Erkenntnisse der Studie berichtet:

Zitat:
Der Weg ist vorgezeichnet

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans oft nur schwer. Ein Gespräch mit dem Würzburger Psychologen Wolfgang Schneider

Zwanzig Jahre lang beobachteten Forscher die Entwicklung von 200 Kindern. Ihre weltweit einzigartige Studie nannten sie Logik ? Longitudinalstudie zur Genese individueller Kompetenzen. Die Mammutuntersuchung begann am Max-Planck-Institut für psychologische Forschung in München und wurde später unter der Leitung von Wolfgang Schneider von der Universität Würzburg fortgeführt. Bis zu dreimal im Jahr wurden die Kinder in mehrstündigen Tests untersucht. Die Forscher befragten auch Eltern und Freunde. Um die Kinder bei der Stange zu halten, mussten sich die Forscher einiges einfallen lassen. Einmal erhielten alle Teilnehmer als Belohnung einen Drachen ? Schneider hatte ihn persönlich ausgesucht und getestet.

DIE ZEIT: Welche Erkenntnis hat Sie am meisten überrascht?

Wolfgang Schneider: Wir hätten nicht erwartet, dass so viel in der Entwicklung bereits sehr früh festgelegt ist. Wir haben die intellektuellen Fähigkeiten der Kinder ebenso untersucht wie ihr soziales Verhalten, haben die Feinmotorik geprüft und nach dem Moralverständnis gefragt. Und über fast alle Persönlichkeitsbereiche hinweg stellte sich heraus, dass die Unterschiede zwischen den Kindern, die wir mit 3 oder 4 Jahren gemessen haben, mit 23 Jahren immer noch weitgehend bestanden.

ZEIT: Die Menschen hatten sich nicht verändert?

Schneider: Verändert hatten sie sich ihrem Alter entsprechend natürlich alle: Jedes Kind hatte mit acht Jahren ein größeres Sprachvermögen als mit fünf. Betrachtet man jedoch, wie sich die Kinder über die Jahre im Vergleich zueinander verhalten, gibt es erstaunliche Kontinuitäten. So zeigen jene, die bereits früh als aggressiv auffielen, auch als Erwachsene soziale Auffälligkeiten. Sie sind häufiger straffällig oder nehmen vermehrt Drogen, und zwar unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Das Gleiche gilt für die intellektuelle und die moralische Entwicklung.

ZEIT: Ab wann sind die Unterschiede stabil?

Schneider: Die intellektuellen Fähigkeiten spätestens mit Beginn der Grundschule. Aber selbst einige Vierjährige zeigen eine enorme Gedächtnisfähigkeit, die sich über die Jahre erhält. So können sie Geschichten in einer Detailtreue nacherzählen, die andere Kinder erst mit sieben oder acht Jahren erreichen, übrigens unabhängig von der Intelligenz.

ZEIT: Was heißt das?

Schneider: Es ist ja in der Wissenschaft umstritten, ob es eine allgemeine Intelligenz gibt oder spezielle Teilfähigkeiten existieren, also die Frage: Sind Menschen mit hohem Intelligenzquotienten in allen intellektuellen Bereichen besser als andere mit geringerem IQ? Unsere Daten sprechen eher dagegen. Wir stellen fest, dass es durchaus Menschen mit einem durchschnittlichen IQ gibt, die überdurchschnittliche mathematische Fähigkeiten haben.

ZEIT: Die Kontinuität wirkt sich über die Pubertät aus. Ist sie keine Bruchphase?

Schneider: Richtig. Man kann das Ende der Adoleszenz, zugespitzt formuliert, in vielen Bereichen schon als den Höhepunkt in der Entwicklung eines Menschen bezeichnen. Gerade im Denk- oder Gedächtnisvermögen gab es danach bei allen Probanden nur noch minimale Fortschritte.

ZEIT: Und auf anderen Feldern?

Schneider: Die größten Veränderungen stellen wir bei der Persönlichkeit fest. Schüchterne Kinder zum Beispiel, die wir zu Beginn kaum dazu bringen konnten, an der Studie teilzunehmen, verlieren ihre soziale Ängstlichkeit über die Jahre. Aber ansonsten tut sich zwischen 16 und 23 Jahren erstaunlich wenig. Wir dachten, da verändert sich mehr.

ZEIT: Wo zum Beispiel?

Schneider: Etwa in der Moralentwicklung. Da unterscheidet man zwei Dinge: das Wissen um Regeln und die innere Motivation, nach ihnen zu handeln. Wann wissen Kinder also, dass man eine Schokolade nicht stehlen darf? Und wie lange sagen sie: Der Dieb fühlt sich aber dennoch gut? In den Lehrbüchern steht, dass beides ? Regelwissen und Regelmotivation ? gleichzeitig wächst. Die Annahme hat sich aber so nicht ganz bestätigt. Bei allen Kindern steigt zwar die Kenntnis über das, was erlaubt ist und was nicht. Auch wächst die moralische Motivation, die Normen nicht zu übertreten. Bei einer nicht kleinen Gruppe von Kindern entwickelt sie sich im Zeitraum zwischen 8 und 17 Jahren nicht weiter, sie sinkt sogar.

ZEIT: Wer als Dreijähriger Klötzchen stiehlt, klaut als Erwachsener Autos?

Schneider: Das ist etwas simpel. Es gibt jedoch bei Kindern mit allgemein niedriger moralischer Motivation tatsächlich eine höhere Delinquenz im Erwachsenenalter. Übrigens zeigen sich bei den Moralvorstellungen deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Wenn wir fragen, wer bei moralischen Konflikten auch persönliche Belastungen in Kauf nimmt, um gemäß den Normen zu handeln, zeigen circa 60 Prozent der jungen Frauen eine hohe moralische Motivation, aber nur rund 35 Prozent der jungen Männer.

ZEIT: Worin haben sich Jungen und Mädchen sonst noch klar unterschieden?

Schneider: Deutliche Differenzen gab es bei der Motorik: Bei den Mädchen verbessert sich hier im Schnitt zwischen 13 und 23 Jahren kaum etwas. Bei der Intelligenz gab es keine Auffälligkeiten, sehr wohl aber bei der Selbsteinschätzung, was man kann und was nicht. Gerade in den Naturwissenschaften schätzen sich die Mädchen schlechter ein, als sie tatsächlich sind. Das passiert Jungen nicht. Für die spätere Berufswahl hat das eventuell fatale Folgen, weil Mädchen dann in den naturwissenschaftlich-technischen Berufen fehlen. Irgendetwas läuft da schief in Schule und Elternhaus.

ZEIT: Wo wirken sich äußere Faktoren überhaupt auf die Kinder aus?

Schneider: Am stärksten im Persönlichkeitsbereich. Hier können Krisen, wie Scheidung oder der Tod naher Verwandter, zu erheblichen Schwankungen des Persönlichkeitsprofils führen. Wobei ? nicht überraschend ? der Einfluss des Elternhauses mit wachsendem Alter nachlässt. Immer wichtiger werden dagegen die gleichaltrigen Freunde. Erstaunt hat uns eher, dass es Kinder gab, die sehr stark von den Schicksalsschlägen aus der Bahn geworfen werden, während sich andere unter gleichen Bedingungen fast als unverwundbar zeigen. Unsere Daten deuten daraufhin, dass Kinder, die eher extrovertiert sind ? die Wissenschaft bezeichnet sie als Undercontroller ?, hier die meisten Probleme haben.

ZEIT: Es scheint, dass Ihre Befunde den großen genetischen Einfluss belegen: Sind Kinder, wie sie sind, und bleiben sie auch so?

Schneider: Das sehe ich anders. In der Gesamtschau der Studie lautet die wichtigste Schlussfolgerung: Wir müssen die frühe Phase des Lebens sehr viel ernster nehmen. Die Jahre vor der Schule sind die prägendsten für die Entwicklung eines Menschen. Hier müssen wir Defizite erkennen, hier muss Förderung einsetzen. Geschieht das nicht, scheinen die Pfade des Lebens ziemlich vorbestimmt. Bei der Rechtschreibung zeigt sich das besonders.

ZEIT: Bei der Rechtschreibung?

Schneider: Wir haben die Kinder von der Einschulung an Diktate schreiben lassen. Die Ergebnisse waren faszinierend. Obwohl die Kinder auf unterschiedliche Schulen gehen, unterschiedliche Lehrer haben, veränderten sich die Unterschiede in den Rechtschreibkompetenzen so gut wie gar nicht. Wer mit sieben Jahren mehr Fehler als die anderen machte, machte auch mit 23 noch mehr Fehler. Ohnehin wurden auch im Erwachsenenalter noch sehr viele Rechtschreibfehler gemacht.

ZEIT: Bei allen Probanden?

Schneider: Ja, wir haben für die Jugendlichen ein Diktat aus den sechziger Jahren genommen. Würde man das Rechtschreibniveau der Schüler von damals zum Maßstab nehmen, wären drei Viertel der heutigen Kinder Legastheniker. Wir führen das auf den Unterricht zurück, der heute auf Rechtschreibung weniger Wert legt.

ZEIT: Qualität im Unterricht wirkt sich also aus?

Schneider: In jedem Fall, und zwar aus zwei Gründen. Was ein Mensch kann, hängt von der Intelligenz ab, jedoch ebenso vom Wissen, das er etwa durch guten Unterricht oder eigenes Üben erwirbt. Letzteres wird mit zunehmendem Alter sogar wichtiger. So können wir die mathematische Kompetenz eines Grundschülers noch relativ gut mit einem zu Schulbeginn erhobenen Intelligenztest vorhersagen, im Jugendalter ist dies längst nicht mehr so gut möglich. Da spielt dann das Wissen, auf das man mit den Jahren immer wieder neues Wissen aufbaut, die entscheidende Rolle.

ZEIT: Und der zweite Grund?

Schneider: Wichtig ist es, möglichst viele Kinder auf ein bestimmtes Leistungsniveau zu heben. Damit haben wir ja gerade in Deutschland ? wie wir seit Pisa wissen ? große Probleme. Die Basis an Grundfähigkeiten lässt sich besonders gut in den ersten Jahren legen. Da müssen wir ansetzen.

Die Fragen stellte Martin Spiewak

DIE ZEIT, 13.07.2006
http://zeus.zeit.de/text/2006/29/B-Logik-Interview


Auch die Berliner Zeitung befasst sich mit dem Thema: http://www.berlinonline.de/berliner..../wissenschaft/568383.html

Doris
_________________
"Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler." Ralph Waldo Emerson
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden Website dieses Benutzers besuchen
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Elterninitiative gegen Mobbing und Gewalt an Schulen (EMGS) e.V. Foren-Übersicht -> Allgemeine Diskussionen über Schulprobleme Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde
Seite 1 von 1

 
Gehe zu:  
Sie können keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Sie können auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Sie können Ihre Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Sie können Ihre Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Sie können an Umfragen in diesem Forum nicht teilnehmen.


Powered by phpBB © 2001, 2005 phpBB Group
Deutsche Übersetzung von phpBB.de